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Eric Sardinas

Hard rockin' Blues

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Fotos:
Adelina Schmidtlein

Treat Me Right
CD "Treat Me Right"
Devil's Train
CD "Devil's Train"
Bildergalerie

Eric Sardinas

Rein rechnerisch ist ERIC SARDINAS 31 Jahre alt.
Was kann aus einem, musikalisch begabten, Menschen werden, der 1970 in Ft. Lauderdale, Florida, geboren wird? Vortänzer bei einer Boygroup? Rapper? Theoretisch ist das wahrscheinlicher, als dass der junge Mann zum exorbitantesten Vertreter der jungen Bluesrock-Generation wird.

Seit 1990 lebt Sardinas in Los Angeles, hat sich für ein Leben auf der Straße entschieden und macht Musik. Anfangs als Straßenmusiker, später zusammen mit dem Bassisten PAUL LORANGER, der noch heute mit ihm on the road ist und seit Mitte der 90er als Trio. Die Band trat bis zu 300 (!) Mal pro Jahr auf und erspielte sich den Ruf als heißeste Blues-, Rock- und Boogie Band in den USA.
Das will noch nicht all zu viel heißen, denn seit Stevie Ray Vaughans Tod und dem Siechtum von Johnny Winter kam, gerade in den Staaten, nicht sehr viel nach im Bereich des wirklich rockigen Blues. Ein Großteil der propagierten Helden erwies sich, spätestens bei der dritten Platte, als mehr oder minder formbare Industrieware.

1998 entdeckte der renommierte Bluesproduzent DICK SHURMAN (Johnny Winter, Roy Buchanan, Albert Collins u.v.a.) Sardinas. Das Trio nahm im Oktober 1999 in Chicago die erste CD "Treat Me Right" mit ihm auf. Als Gäste wurden Johnny Winter und Hubert Sumlin ins Studio geholt.
7 selbstverfasste Songs und 7 adaptierte, unter anderem von Willie Dixon, Johnny Winter, Muddy Waters und John Lee Hooker waren das Ergebnis.

Eric Sardinas

Sardinas wurde zur Promotion der CD nach Europa geschickt und damit begann das große Missverständnis.
Die Fans und Medien erkannten in ihm entweder einen weiteren Reißbrett-Guitarhero, oder aber einen gehypten Showman, der gnadenlos das Erbe hochverehrter Blueshelden plündert. Speziell der Begriff Johnny Winter-Klon fiel öfter.
Ohne auf den "Fachleuten" herumzuhacken, schließlich ist die stimmliche Ähnlichkeit und ein ähnlicher Gitarrenstil nicht zu verleugnen, aber verwunderlich ist diese Ignoranz allemal.

Wann immer ein, mehr oder weniger abgewirtschafteter, Bluesgott ein neues Album aufnimmt (und damit eventuell gar noch kommerziellen Erfolg hat), wird eine Renaissance des Blues gefeiert. Wenn Gary Moore, reumütig nach seinen Technikflops, eine weitere sterile CD aufnimmt, wenn die 12.000te Version von Rollin' And Tumblin' und das 150te Bootleg von Stevie Ray veröffentlicht wird, erstarren die Bluesintellektuellen in Ehrfurcht und beschwören den Geist von Robert Johnson.
Wenn aber ein exaltierter Showman und begnadeter Gitarrist wie Sardinas den Blues rockt, wie seit Johnny Winter Mitte der 70er keiner mehr, und sich dabei nicht nur des klassischen Liedgutes bedient, sondern immer wieder moderne Techniken verwendet, dann passiert: Nichts!
In den USA erntet Sardinas hingegen durchwegs Komplimente. Selbst Größen wie John Hammond attestieren ihm unglaubliches Können.

Eric Sardinas

Nicht umsonst war Sardinas mittlerweile zwei mal im Vorprogramm von STEVE VAI durch Europa unterwegs. Diese, auf den ersten Blick kuriose, Mischung funktioniert, weil Sardinas etwas hat, das Vai fehlt. Den Blues nämlich. Vergleicht man Acting, technische Fertigkeiten, optische Präsenz und Intensität der beiden, macht die Kombination Sinn (und die Ladies im Publikum können sich nicht zwischen den beiden entscheiden).
Wirtschaftlich ist die Kooperation natürlich ebenfalls Gold wert. Vai spielt in den großen Hallen, die ein durchschnittlich bekannter Bluesrocker höchstens von außen zu Gesicht bekäme.

Im August dieses Jahres veröffentlichte EVIDENCE Records die zweite CD. "Devil's Train" ist nicht ganz so (hard-)rockbetont, hat aber in der guten Stunde wieder 13 überragende Blues- und Boogie Knaller zu bieten, die im Jahr 2001 ganz sicher noch nicht erreicht wurden (und auch nicht mehr werden, in den letzten 12 Tagen). Nur 2 Fremdkompositionen finden sich darauf. My Kind Of Woman von Elmore James und Gambling Man Blues von David Honeyboy Edwards (geboren 1915!), der auch mitspielt. Inzwischen wurde mit ZYX auch ein Vertrieb für Deutschland gefunden.

Eric Sardinas live:
Leider ist es uns nicht möglich, einen kompletten Konzertbericht über Eric zu schreiben. Sein Konzertbeginn in München wurde kurzfristig (und entgegen den Aussagen der Security noch 15 Minuten vorher) auf 19 Uhr vorverlegt. Da wir, bei Minus 15 Grad, nicht im Freien warten wollten und uns aus purem Selbsterhaltungstrieb nach einem Unterschlupf umsahen, entging uns die erste Hälfte des Konzerts. Schade. Denn die 20 Minuten, die wir noch sahen, waren mit das irrwitzigste, was ich in knapp 25 Jahren Konzertleben jemals sah.

Eric Sardinas

Auf der Bühne steht kein Gitarrist, sondern ein wildgewordener, schwarze Locken werfender, totaltätowierter Derwisch mit einer elektrifizierten Resonator Gitarre.
Wer behauptet, Blues gehört in die kleinen Clubs, liegt falsch. Sardinas und seine Band wirken erst wirklich, wenn sie auf großen Bühnen stehen. Das Münchner Babylon ist exakt der richtige Rahmen. Hier kann Eric die gesamte Fläche nutzen und kommt sich nicht mit seinem, ebenfalls überaus beweglichen Bassisten Paul Loranger, in die Quere. Zusammen mit Drummer SCOTT PALACIOS erzeugen die beiden ein Bluesrockgewitter, das vielleicht mit Johnny Winter anno 1976 ("Captured Live!") vergleichbar ist.
Letztlich ist es ein einziges Solo, das Eric auf der Bühne von sich gibt. Zusammengehalten wird alles von der Rhythmusgruppe und darüber liegt die Röhre von Sardinas. Da wird mit der Bierflasche geslidet ("schon gesehen" sagt der Blueskenner, "aber noch nie so höllisch und völlig ekstatisch", sag ich), die Boogiesau ist mehr eine Bisonherde auf Koks und spätestens bei Devil's Train fragt man sich ernsthaft, ob sich der Leibhaftige sein eigenes Ständchen komponiert hat.

Eric Sardinas

In einem nie gesehenen Affentempo knallen die Nummern in die Halle und Sardinas rast dazu umher, dass es nahezu unmöglich ist, ihn vernünftig zu photographieren. Dem härtesten Headbanger würde dabei die Luft ausgehen. Wohlgemerkt, Sardinas treibt das immer noch bis zu 300x pro Jahr!
Und zum guten Ende macht er noch ein Feuerchen auf der Bühne und röstet sein Dobro. Klischee pur, aber es sieht einfach gewaltig gut aus.

Eric Sardinas

20 Minuten nach der Show sitzt er dann an seinem Merchandisestand, plaudert mit den Leuten, gibt Autogramme und lässt sich grinsend mit den Mädels knipsen. Der gleiche Verrückte, der eben noch völlig besessen auf der Bühne wütete?

Blues wird nie tot sein, er wird aber auch nie mehr die Welt der Radiostationen beherrschen. Aber so lange es Eric Sardinas gibt, wird er uns alle paar Jahre kräftig den Arsch versohlen. Ich hoffe nur, er hält diesen Parforceritt nahe der Borderline noch lange durch.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 18.12.2001

Bilder: Adelina Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 14.12.2001

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