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J.P. Rykiel:

Die Stimme der Stille

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Die Stimme der Stille
Die Stimme der Stille, Sony, 1997
J.P. Rykiel verschiedene Instrumente, Geräusche usw.
Mönche Gesänge
Produzent: J.P. Rykiel (aufgenommen im Himalaya) Länge: unendlich Medium: CD
1. Der Wunsch nach Erleuchtung4. Die Anrufung des fernen Lama
2. Das Mantra des Padmasambhava5. Gebet um ein langes Leben für Kalu Rinpoche
3. Das Tsak Opfer "Vajra Melodie"

Mann, war das wieder ein stressiger Tag. Sodbrennen, Herzrhythmusstörungen und Blähungen quälen mich in loser Reihenfolge. Es wird Zeit, etwas für meine Seele zu tun. Ruhe muß wieder für eine Weile von mir Besitz ergreifen.
Was ist dazu besser geeignet als Rykiel’s psychosomatisches Meisterwerk DIE STIMME DER STILLE.

Rykiel versteht es wahrlich, aus dem Nichts warme Klangkörper zu formen. In seiner Musik tangiert ihn die Gegenwart nur peripher. Somit kann sich die Seele des Zuhörers voll auf seine sinnbildlichen Kompositionen konzentrieren.
In seinen Songs ist nichts oder alles dem Zufall überlassen.

Den ersten Song DER WUNSCH NACH ERLEUCHTUNG interpretiere ich als gekonnte politische Parabel. Diese Abfolge von Klängen ist nicht weniger aufregend als eine Debatte in irgendeinem Länderparlament, wo es auch nicht gerade von Leuchten wimmelt. Wellenförmige Frequenzamplituden verzaubern Seele und Innigkeit.

Der nächste Track DAS MANTRA DES PADMASAMBHAVA toppt sogar die Mozik und Tierkreis Sinfonien eines Karl-Heinz Stockhausen.
Der sklavische Mönchsgesang ist als Aufschrei zu verstehen. Nach vielen Minuten begnadeter Einstimm-Gesänge wird jedem klar: Waren das herrliche Zeiten, als sie noch Hoden zwischen den Beinen hatten.
Die Eintönigkeit des Liedes beeindruckt sehr. Das überträgt sich auf den Zuhörer, dessen vegetatives Nervensystem komplett seinen Dienst einzustellen scheint.

Die nachfolgende VAJRA MELODIE kontrapunktiert gekonnt ambivalente Bezüge zur Sozialkritik im nepalesischen Hinterland. Ich kann mich nur schwer der depressiven Sinuston-Klangcollagen entziehen. Die destruktive Symbiose zwischen mir unbekannten Lauten und plötzlicher Stille wirkt faszinierend.

DIE ANRUFE DES FERNEN LAMA klingen frappierend voluminös. Der Song ist wie ein Telefonat mit der Störungsstelle der Telekom. Man weiß in keiner Phase, was als nächstes passiert. Unendlich scheinende Klangschleifen erwecken den Eindruck, die Repeat Funktion des Players wäre eingeschaltet. Imposant spielt damit Rykiel auf unseren Alltag an. Nichts ist Eintöniger als die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
Die prachtvolle Pantoffel-Mystik denunziert gekonnt die spießigen Unzulänglichkeiten einer langjährigen Ehe oder Lebensgemeinschaft.

Dynamisch offen erklingt der Abschlußsong GEBET UM EIN LANGES LEBEN FÜR KALU RINPOCHE.
Der weltbekannte Eremit aus dem Himalaya dient vielen als Vorbild für die Bewältigung des Alltags-Trotts.
Die hingebungsvolle Arithmie dieser Komposition fordert den Subwoofer zu Höchstleistungen auf. Das ist gekonnte Verknüpfung nepalesischer Gebetsgesänge mit der virtuellen Dynamik eines 1 Khz Testtones. Ausufernde Klangkaskaden fordern auch den kritischsten Hörer heraus.

DIE STIMME DER STILLE ist insgesamt nur schwer in Worte zu fassen.
Auf jeden Fall ein Meisterwerk, das sehr gerne von Techno-Musikern gecovert wird.
Sicherlich, DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER ist wesentlich variantenreicher. Doch hier packen Klang-Collagen unendlicher Eintönigkeit auch den sensibelsten Zuhörer. Die Seele wird vom Ballast befreit. Man ist danach längere Zeit unfähig irgendwelche Rockmusik zu hören. Jeder Break nervt anfangs sehr.

Klang und Produktion vermitteln die gekonnte Einsilbigkeit perfekt. Gerne hätte ich diese Aufnahme auf Vinyl. Denn die ausufernden stillen Passagen klingen durch die technische Unzulänglichkeit der CD manchmal doch sehr eintönig. Ein Knackser hier, ein Rumpeln dort würde die Monotie des Geschehens perfekt auflockern.

Wer nicht genug kriegen kann von dieser perfekten Geräuschkulisse, dem empfehle ich Ryjiels’s unangefochtenes Meisterwerk CALLING THE LAMA FROM AFAR. Da bleibt nicht nur dem Lama die Spucke weg.

Joachim Domrath, (Impressum, Artikelliste) 25.06.2001

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