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Heilig

Kapitel III

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Kapitel III
Kapitel III, Plektron GbR./Gloriella Music/Sony Music, 2009
Pauli Paulitsch Tenor & Diva
Wiggi Raab Harmoniegitarre
Winnie Thoma Melodiegitarre
Renate Dienersberger Pianoforte & Orgel
Walter Schmid Tieftongitarre
Paul Tolloy Schlagwerk
Tony Ramos Mundharmonika
Gäste (CD):
Ossi Schaller, Thomas Simmerl, Hans Heiner Bettinger, Ulli Essmann, Conny Kreitmeier, Axel Kühn, Claus Reichstaller, Bimey Oberreit, Ziad Asassa, Alex Klier
Darsteller (DVD):
Ron Evans, Werner Kubierschky, Kristin Naefe, Franziska Janetzko, Brigitte Wittig, Susi Müller, Pit Janzen
Produziert von: Walter J.W. Schmid & Ludwig "Wiggi" Raab Länge: 79 Min 28 Sek (CD) & ca. 22 Min (DVD) Medium: CD & DVD
CD:
1. Vertreibung11. Des werd scho wieder
2. Apfebam12. Flügel
3. Wos host g'macht letzte Nacht13. Da Deifi in uns
4. Aus und vorbei14. Olles nur glog'n
5. Mama15. Ka Engl
6. Des liegt ned an mir16. Stör mi ned
7. Mehr von dir17. Lebendig begrob'n
8. Tattoo18. Wannst ma über'n Weg lafst
9. Es war nur Sex19. Irmi
10. Herzschmerz-Blues20. I geh nia ins Bett
DVD:
1. Mama4. Apfebam
2. Wos host g'macht letzte Nacht5. Des liegt ned an mir
3. Herzschmerz-Blues

Folgendes: Die Musikkapelle HEILIG aus München-Österreich (das ist von Obergiesing aus gleich links ab auf die Autobahn) hat in den vier Jahren seit "Sch€inheilig" nichts dazugelernt. Deswegen sollte man im Falle von "Kapitel III", welches übrigens vom Heiligen Geist handelt (das Kapitel) und eine ausnehmend hübsche Verpackung spendiert bekommen hat (der Ton- bzw. Bildträger), vielleicht mit der beigelegten Mehrwert-DVD anstatt der konventionellen Audio-Konserve beginnen.

Auf der DVD sind fünf Videos, bei denen Hanns Christian Müller Regie geführt hat. Dieser Herr Müller war bei allen vier Kinofilmen von Gerhard Polt Regisseur und Drehbuchschreiber, er ist verantwortlich für den Geniestreich "Tschurangrati", für die nach "Kottan ermittelt" und Helmut Dietls "Münchner Geschichten", "Monaco Franze", "Kir Royal" und "Der ganz normale Wahnsinn" beste Fernsehserie aller Zeiten "Fast wia im richtigen Leben", sowie den bösesten "Tatort" seit der (versehentlichen? hahaha!) Wiederholung der Neujahrsansprache Helmut Kohls: "Und die Musi spielt dazu".
Hanns Christian Müller hat sich also zur Musik von HEILIG Bilder einfallen lassen. Das hat er nicht zum ersten Mal getan (Pit von "Sch€inheilig" geht auch auf seine Kappe), aber gleich fünf Videos zu drehen ist neu. Um einen Teil der Gedankenwelt des Herrn Müller zu verstehen, dürfen wir auf die Internetzseite h-c-mueller.de verweisen.
Hungers sterben wird Müller in diesem Leben nicht mehr, das hat Karl Valentin schon erledigt, aber in die Reihe großer (Lebens-) Künstler aus München und Bayern gehört er, genau wie beispielsweise Helmut Fischer, Gerhard Polt, die Biermösl Blosn, Franz Beckenbauer (der größte Gegenwartslyriker überhaupt: "Das ist ein Franzose, dem ist München wurscht"), Ludwig Thoma und natürlich Ludwig II. Ja, mit den Videos für HEILIG hat das gerade nichts zu tun, aber es dient vielleicht dem Verständnis. H.C. Müller, der HEILIG-Vordenker Wiggi Raab und der HEILIG-Vorsänger Pauli Paulitsch (grüß ditsch übrigens, auch von der Mama) ticken nämlich ähnlich. [daran jetzt noch dämlich anzuhängen wäre… doof] Herausgekommen sind kleine Filmchen mit Charme, Dreistigkeit, Detailverliebtheit und genau dem Quantum Anarchie, das auch 2009 noch für eine außerplanmäßige Personenkontrolle durch die Polizei reicht. Musik gibt's dazu logischerweise auch, aber dazu später, denn zuerst muss man sich die ausnehmend hübschen Damen anschauen, dann die eindrucksvolle "Mama" in Mama, schließlich den Blueser Ron Evans als Kardinal und einen reichlich desillusionierten Herrgott namens Werner Kubierschky. Dazwischen fungiert die Band und der jugendlich gutaussehende Herr Paulitsch. Das hat was (sagt nicht nur meine Mama).
Damit hier nichts verwechselt wird, die Videos haben mit MTV nichts zu tun, denn dort gibt es nur geistige Billigproduktionen zu sehen, bei Müller & HEILIG handelt es sich lediglich um monetäres Niedrigbudget - allerdings mit Hirnschmalz in der Umsetzung. Und außerdem könnte kein MTV-Moderator das schöne Wort Poccistraße aussprechen ohne sich zu verletzen. Es ist für Insider, also Münchner, eine herrliche Ironie, dass ausgerechnet am hässlichsten U-Bahnhof der Stadt gedreht wurde. Jetzt aber Musik.

Nach der die Apfelindustrie unterstützenden Vertreibung aus dem Paradies und dem zugehörigen Lied Apfebam wird klar, warum der Raab aus München-Pasing und alle anderen HEILIGen nix dazugelernt haben. Es ist immer noch Rock'n'Roll. Es sind sogar immer noch beide Musiken, nämlich Rock und Roll. Gut, dass HEILIG mit derlei Lärm in eine Phase globaler Rockerwärmung fallen mag Zufall sein, aber es passt, denn seit geraumer Zeit erreichen uns heiße Produktionen zuhauf. Das 3. Kapitel der Band HEILIG nimmt dabei im Spätsommer 2009 neben den MAMBO SONS eine Ausnahmestellung ein.
19 Lieder sind zu viele um sie einzeln anzusprechen, aber 79 Minuten (plus Video) ist eine gute Zeit zur Party. All die sprachlichen Feinheiten muss man entdecken, genießen und darf sie zu gegebener Zeit auch gerne als Bonmot in Umlauf bringen. Vorausgesetzt die Tischnachbarn sind der Sprache mächtig, wird man die Lacher auf seiner Seite haben. Dinger wie "Wannst ma über'n Weg lafst - dann liegst ungefähr - im Spital, a Woch lang stationär" sind einfach klasse.
Apfebam zeigt die Richtung: Rock'n'Roll mit Gitarren satt, dem inzwischen ziemlich fest installierten Mundharmonikaspezialisten Tony Ramos (kommt sehr nah an den Sound des großen Magic Dick heran), einem glänzend singenden Pauli Paulitsch und der virtuosen Klavierspielerin Renate Dienersberger, die sich so gar nicht als Keyboarderin bezeichnen lassen will, weil sie gemäß eigener Aussage die Orgel überhaupt nicht spielen kann. Na ja, für jemand der ganze drei verschiedene Rock'n'Roll-Variationen beherrscht ist das eine ganz ansprechende Leistung.
"Kapitel III" wird nicht nur vom Gitarrenstoiker Wiggi Raab und dem Vokalexpressionisten Paulitsch geprägt, sondern auch von der Vielfalt. Es geht rauf und runter mit dem Tempo, gleich bleibt einzig das Gefühl und die Leidenschaft - die Band hängt sich rein wie weiland Edi Finger senior beim Torjubel. I wer' narrisch. Wo ist der Diplom-Ingenieur Posch zum abbusseln?

Im Zusammenhang mit HEILIG fällt zwangsläufig immer wieder der Name Kurt Ostbahn. Da der aber Geschichte ist, weil Resetarits als einer der wenigen Künstler den richtigen Zeitpunkt zum Absprung gefunden hat, müssen nun neue Helden her. Raab und HEILIG sind sich nicht zu schade den Ostbahn-Klassiker Du bist ka Engel nachzuspielen - und zwar so geschickt, dass es kaum auffällt. Wo der Kurt gebrüllt hat, singt Paulitsch fast lieblich zur harschen Gitarre; und außerdem hat auch schon der Ostbahn die Nummer adaptiert.
Mit Wannst ma über'n Weg lafst gibt es noch eine Kurti-Reminiszenz, etwas Ähnliches gab es bei dem nämlich ungefähr als 1 na von uns 2, nur ohne Analabszess. Und überhaupt ist HEILIG die Chefpartie von heute und Wiggi Raab der "Trainer". Musik wiederholt sich, aber nur selten so kongenial.

"Dialekt rockt", steht im schicken Info zum Album, aber das tut er nur, wenn richtig Gas und Geist gegeben wird. Dieses 3. Kapitel tut das jeder Beziehung und steht damit sehr außerordentlich da in einer zunehmend selbstverwalteten Musiklandschaft, die nicht mehr auf Unterstützung der Industrie hoffen darf, will und braucht. Independent nennt sich das. Wer unabhängig ist, darf sich an Kirche, Staat und Spießermentalität austoben wie er will - die Münchner toben und spielen dabei sehr gekonnt mit durchaus massenkompatiblen Emotionen. Wer stand noch nie vor der Situation, Sätze wie Wos host g'macht letzte Nacht oder Es war nur Sex sagen zu müssen? Wer hat keinen Spaß an Nonsens wie Tattoo? Wer erkennt Da Deifi in uns? Das hat die australische Band INXS vor Jahren von HEILIG geklaut, allerdings nie so teuflisch fetzend. Stör mi ned erkennt man auf den ersten Blick, man wünscht es sich seit Jahrzehnten so gepfeffert von den STONES. HEILIG werden die Nummer live besser bringen als Start Me Up jemals klingen könnte - was ist eigentlich nun das Original? Des liegt ned an mir, es ist der Musik heilige Kraft, die einen beinahe schizo macht. Ehrlich.

Zur allgemeinen Beruhigung sei gesagt, dass man vom onanieren nicht taub und blind wird. Allerdings ist Sex im Duett wesentlich befriedigender. Bitte, werter Leser, nehmen Sie sich Zeit für HEILIG und haben Sie maximale Unterhaltung mit "Kapitel III". Es wird ein Höhepunkt in Ihrem Leben sein. Es ist nicht nur Sex, es ist ein Lebensstil. Die Gründe, sich dieses Album keinesfalls zu kaufen, kann man im Trailer auf der neu gestalteten Homepage sehen - schützen Sie sich und Ihre Familie. Ans, zwa und aus.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 10.09.2009

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