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Kid Rock

Born Free

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Atlantic Records
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Born Free
Born Free, Atlantic Records, 2010
Kid Rock Lead Vocals, Piano
Marlon Young, Blake Mills, David Hidalgo, Smokey Hormel Electric & Acoustic Guitars
Matt Sweeney Electric & Acoustic Guitars, Banjo
Greg Fidelman Electric Guitar, Piano
Justin Meldal-Johnsen Bass
Benmont Tench Piano, Organ, Wurlitzer
Chad Smith Drums
Lenny Castro Percussion
Roger Manning Jr. Clavinet
Kim Wilson Harmonica
Jessica Wagner, Stacey Michelle, Herschel Boone Background Vocals
Gäste:
Mary J. Blige & T.I. Lead Vocals (Care)
Sheryl Crowe Lead Vocals (Collide)
Bob Seger Piano (Collide)
Zac Brown Lead Vocals (Flyin' High)
Trace Adkins Backing Vocals (Rock Bottom Blues)
Produziert von: Rick Rubin Länge: 57 Min 01 Sek Medium: CD
1. Born Free7. Collide (feat. Sheryl Crow & Bob Seger)
2. Slow My Roll8. Flyin' High (feat. Zac Brown)
3. Care (feat. Mary J. Blige & T.I.)9. Times Like These
4. Purple Sky10. Rock On
5. When It Rains11. Rock Bottom Blues
6. God Bless Saturday12. For The First Time (In A Long Time)

Ein bisschen muss man sich als Rezensent bei Kid Rock entschuldigen, denn man hat ihn vor gut siebeneinhalb Jahren schließlich als nervigen Kreischhals bezeichnet. Das war, als er für LYNYRD SKYNYRDs "Vicious Cycle" eine wirklich kaum erträgliche Neufassung von Gimme Back My Bullets verbrach. Und bitte sage jetzt niemand, er hätte schon in den Frühwerken des Detroiter Mittelklassebuben das Potential eines späteren Classicrockers entdeckt. Die kleine Nervensäge hat nämlich richtige Deppenmusik gemacht und dazu Rap-Texte für Deppen abgesondert. Allerdings behauptete Bob Ritchie schon in frühen Interviews, dass seine musikalischen Helden fast alle aus dem klassischen Hard- und Southern Rock kämen, nur glauben konnte man ihm das nicht. Jedenfalls bis sich immer mehr Anteile dieser Musik in seine hip-hoppenden Wutanfälle mischten.
Spätestens ab dem selbstbetitelten "Kid Rock" von 2003 musste man ihn dann doch auf dem Schirm haben, denn da waren schon ein paar richtige Hard-Rock-Knackwürste drauf. 2007 kam schließlich das endgültige Bekenntnis zum Erwachsenen-Rock härterer Provenienz. "Rock N Roll Jesus" war ein verdammt gutes Album und hatte in All Summer Long einen der bestgeklautesten Superhit aller Zeiten. Trotzdem, irgendwie war das schon eine seltsame Wandlung vom selbsternannten Ghettokid zum Mainstreamrocker, der auch mal pursten White-Boy-Country jodelt.

Die Person Robert James Ritchie alias Kid Rock muss man sowieso dezidiert betrachten. Die Boulevardehe mit der unsäglichen Pamela Anderson war eine Veranstaltung für die Klatschzeitungen, die ständigen Schlägereien mit allen die ihm irgendwie doof kamen und die darauf folgenden Gerichtsprozesse zeigten einen Mann über 30, der mit seinem Erfolg offensichtlich nicht klarkam und soziale Defizite via Randale kompensieren musste, und die Nähe zu George W. Bush und den Republikanern, gerne auch denjenigen des ultrakonservativen Flügels, machte ihn auch nur bei den vielen Millionen entsprechender Durchschnittsamerikaner beliebter. Mit noch nicht mal 40 Jahren war Kid Rock zu einem Sprachrohr einer gar nicht sympathischen reaktionären Menschenmasse geworden und reihte sich in die leider inzwischen ziemlich lange Liste von Rockern ein, die politische Botschaften transportieren, die mit dem ursprünglichen Gedanken des Rock & Roll überhaupt nichts gemein haben. Im Booklet des neuen Albums posiert er plakativ mit Revolver und Pistole und das Coverbild strotzt nur vor Knarren (sieht aber wirklich cool aus).
Bei uns in Deutschland (wichtiger Markt!) präsentiert sich Kid Rock längst als lässiger Bad-Ass-Rocker und macht dabei gar keine schlechte Figur. Stefan Raab hat ihn verschiedentlich in seine Sendungen geholt und die gemeinsam mit ihm und der TV-Total-Studioband gespielte Nummer Old Time Rock & Roll von Bob Seger war eine echte Bombe. Nebenbei gibt er mit Vorliebe den aufmüpfigen Lausebengel, der ganz, ganz oft "fuck" sagt. Es gibt da einen lebenslangen Lausebengel, der im Zweitberuf ein echter Rocker ist, aber der sagt in Interviews so gut wie nie "fuck". Sein Name ist Keith Richards, und er hat noch nie Deppenmusik mit Texten für Deppen gemacht…

Also gut, Kid Rock macht inzwischen keine Musik mehr für geistig ganz arme, aber was macht er auf "Born Free" dann? Er geht konsequent den auf "Rock N Roll Jesus" beschrittenen Weg weiter und baut seinen persönlichen "Rocky Mountain Way" immer stärker zum sechsspurigen Highway aus. "Born Free" ist ein Hochglanzprodukt geworden, das sein Publikum aus den Fans von BON JOVI, Bob Seger, Bruce Springsteen, EAGLES und all den anderen amerikanischen Säulenheiligen rekrutieren wird. Und ganz genau auf diese Kundschaft ist die "Gefährlichkeit" von "Born Free" abgestimmt: Middle-of-the-Road Mittelklasserock für Mittelstandsbürger des Mittleren Westens. Klingt das bieder? Gut, denn "Born Free" ist stockbieder. Zwischendurch klingt K.R. gar wie ein zahnloser Rod Stewart beim Seniorenausflug über die Route 66.
Bei aller Biederkeit muss man zugeben, dass die Produktion hervorragend ist, was bei Rick Rubin auch nicht überrascht, und etliche Songs einfach richtig gut gemacht sind, auch wenn sie von zeitgemäßer Relevanz so weit entfernt sind wie Amerika von sozialer Gerechtigkeit. Die beteiligte Musikerriege ist ohnehin allererste Sahne. Klammert man die ganz schlimmen Schleicher wie When It Rains, Rock On oder Times Like These aus, bleiben ein paar muskelbepackte Homeland-Songs wie Born Free, Südstaatenrocker (Slow My Roll) und richtige Rock'n'Roll-Feger (God Bless Saturday - eine Stewart/FACES-Reminiszenz, nur nicht so gut geklaut wie All Summer Long), die durchaus zum Fingerschnippen und Mittrommeln verleiten. Wenn Rock rockt, dann rockt es fein, wenn er aber zusammen mit Sheryl Crow und Bob Seger am Piano die Tränendrüsenschnulze Collide schmachtet, wünscht man sich dringend den asozialen Rap-Krakeeler von früher zurück. Leute, das ist so dreist fürs Mainstream-Radio geschrieben, dass man sich schaudernd abwendet. Flyin' High mit Zac Brown ist allerdings fürs Mainstream-Country-Radio geschrieben. Jede Wette, dass es für die Nummer im nächsten Jahr einschlägige Awards geben wird.
Textlich gibt Herr Rock den netten Patrioten oder den netten Lala-Sänger mit der rosaroten Brille oder den geknickten Sünder, der sein schlimmes Rock'n'Roll-Leben der Vergangenheit ganz arg bereut. Wäre nicht der prima groovende Rock Bottom Blues, man würde künftig Kid Schmock zu ihm sagen.

Das Fazit ist leicht. Wer auf die genannten Namen und Musikrichtungen steht, leidenschaftlicher Amerikaner und deutlich über 40 ist, wird "Born Free" in seinen persönlichen Musik-Walhall aufnehmen. Wer nur Liebhaber solcher Musik und ansonsten alt genug und ein weltoffener Mensch ist (also kein Ami), kann sich an dieser CD und den agierenden Musikern durchaus erfreuen. Wer zu jung ist um Classic-, Country-, Southern Rock zu mögen, muss sich was anderes kaufen. Wer in Kid Rocks Musik jemals echte Glaubwürdigkeit gesucht hat, darf weitersuchen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 13.11.2010


 
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