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Hoodoo

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Hoodoo
Hoodoo, Sony Music, 2010
Marc Storace Vocals
Fernando von Arb Guitar
Mark Kohler Guitar
Chris von Rohr Bass
Freddy Steady Drums
Produziert von: Chris von Rohr Länge: 43 Min 15 Sek Medium: CD
1. Drive It In7. In My Blood
2. Hoodoo Woman8. Dirty Street
3. Born To Be Wild9. Keep Me Rollin'
4. Rock'n'Roll Handshake10. Shot Of Love
5. Ride Into The Sun11. Firestar
6. Too Hot

Im Falle von KROKUS darf man ein wenig hegemannisieren, denn die Band KROKUS ist sozusagen der Inbegriff der Hegemannisierung. Sollte jetzt jemand nicht wissen was mit 'hegemannisieren' gemeint ist, muss er sich keine Sorgen machen, denn der Begriff ist ein relativ neuer und wurde von mir auf dem Klo erfunden. Der wissenschaftliche Fachterminus lautet 'Axolotl Brainkill' und umschreibt nichts anderes als "Plagiieren", "Kopieren", "Zitieren ohne Angabe der Ursprungsquelle", böse Menschen behaupten sogar, es wäre ein Synonym für Diebstahl geistigen Eigentums.
[Es geht natürlich um die "Schriftstellerin" Helene Hegemann und ihren Roman "Axolotl Roadkill"]
Lieber Leser, wir sind tief in der Soziopsychologie gelandet, denn das Plagiat an sich wäre negativ zu bewerten, aber in einer Gesellschaft, in der Werte per se nichts mehr wert sind, dürfen Literaturkritiker einen zusammengeklauten Roman einer klugscheißerischen und vermutlich mit massiven seelischen Problemen kämpfenden Siebzehnjährigen zum Bestseller hochjubeln, während lebenslang bekennende Plagiatoren in der Rockmusik mit hochgradig öden Kopien von schon vor Jahrzehnten öden Kritiken gequält werden. An dieser Stelle also ein kurzer Abriss über immer wieder geschriebene Plattitüden zur Band KROKUS in Hegemann'scher Form, denn wir nennen weder Quellen noch setzen wir Anführungszeichen:
- Beste AC/DC-Coverband nördlich von Australien
- Gattung der Schwertliliengewächse, in den Alpen wild wachsend
- Schweiz, Löcher, Käse, Kohle, Banken, Uhren (in beliebiger Reihenfolge)
- KROKUS haben mit "Hoodoo" ein phänomenales Comeback in Originalbesetzung abgeliefert (so wird heute recherchiert)
- Der Krokus sprießt wieder
- CDs aus der Schweiz bitte ans Finanzamt schicken

Die Phrasenreihe ist beliebig fortsetzbar, denn KROKUS ist nach STATUS QUO und AC/DC die Band, zu der den Kritikern am wenigsten einfällt. Warum ist das so? Vielleicht, weil Musikkritiker meinen, dass sie eigentlich nur über Musik schreiben dürfen und doch ab und an ein unmusikalisches Bonmot wie Käse oder Blümchen einbauen wollen. Viele können das aber leider nicht und fallen mit ihrem unmusikalischen Käse direkt ins Blümchenbeet - die sollten das Schreiben dann vielleicht ganz bleiben lassen. Möglich wäre auch, dass mancher Musikkritiker von der vordergründigen Schlichtheit dieser Musik überfordert ist und deswegen nur noch Stammeleien von sich geben kann, weil er ja eigentlich über die nächste popmusikalische Weltsensation referieren möchte. Man weiß es nicht.
Klar ist aber, dass es für die meisten Musikbeschreiber wirklich nicht ganz leicht ist über eine weitere CD von KROKUS zu berichten, denn als die ersten LPs 1976, '77 und '78 erschienen, war ein Gutteil der heutigen "Kritiker" noch gar nicht in Planung, und den Durchbruch "Metal Rendez-Vous" aus dem Jahr 1980 kennen viele auch nur aus Papas Plattensammlung.
Dies hier ist keine Koketterie mit dem eigenen Alter, es soll nur verdeutlichen, dass es schwer ist, das Gefühl von damals heute nachzuempfinden. Das Gefühl damals war: Oh Mann, was für eine geile Boogieband, was für fetter Hard Rock. Und jetzt kommt's: Selbstverständlich wussten wir alle, dass KROKUS "nur" die europäische Ausgabe von AC/DC war (und ist), aber es hat uns nicht interessiert, denn es gab keine bessere Band in diesem Genre. Bedside Radio, Backseat Rock'n'Roll, ein Jahr später Easy Rocker und Smelly Nelly, 1982 schließlich Bad Boys, Rag Dolls auf dem ersten "amerikanischen" Album der plötzlich von einer bizarren Maschinerie vereinnahmten kleinen Band aus der Schweiz. Und dann entglitten sie uns. KROKUS wurde mehr und mehr zu einer Kasperlekapelle, allerspätestens "Change Of Address" markierte das Ende. Danach war KROKUS lange Jahre ein Provinzact mit bis zur Lächerlichkeit zelebrierten Besetzungswechseln. Die Weltkarriere war passe. Tatsächlich war erst "Rock The Block" 2003 eine echte Rückmeldung, die aber vom laschen Album "Hellraiser" alsbald relativiert wurde. Jetzt haben sich schließlich die über viele Jahre entzweiten Vordenker Chris von Rohr und Fernando von Arb zusammen mit dem einzig möglichen KROKUS-Sänger Marc Storace sowie Mark Kohler (war ab 1982 für den tragischen Junkie und so geilen Rocker Tommy Kiefer an der Gitarre) und Freddy Steady, dem zweiten Schlagzeuger der Band (bis '82), der erste war von Rohr persönlich, aufgerafft, in der Besetzung von "One Vice At A Time" nach nur 28 Jahren noch eins hinterherzuschicken. Zeit für weitere Hegemannisierungen:
- Comeback der Altrocker
- AC/DC für Arme
- Typisch, klassisch, althergebracht (alle drei kann man prima in einen einzigen Satz einbauen)
- Luftgitarre auspacken
- Gute alte Zeit

Letztendlich gibt es nur zwei Möglichkeiten bei solchen Wiedervereinigungen, auf die die Welt eigentlich nicht gewartet hat: Entweder Rohrkrepierer oder Megaspaß. Von Rohr und von Arb sind zu lang im Geschäft, als dass sie sich handwerkliche Fehler vorwerfen lassen würden, Marc Storace ist ein zu gewaltiger Sänger um sich den ewigen Vergleich mit Bon Scott oder Brian Johnson zu Herzen zu nehmen, folgerichtig klingt "Hoodoo" verdammt gut, es ist auch jede Menge Rock & Roll im Spiel, aber wie gründlich ein so genanntes Comeback versemmelt werden kann hat Axl W. Überdruss mit seinen seltsamen GUNS N' ROSES vor eineinhalb Jahren gezeigt. Und sogar QUEEN, die wahrhaftig in einer anderen Liga als die Solothurner antreten, mussten erkennen, dass ein großer Name aus der Vergangenheit nicht zwangsläufig frühere Verkaufszahlen generiert (in Amerika reichte es für "The Cosmos Rocks" nur zu einem knappen Top 50 Platz). Irgendwie scheinen einem die vollmundigen Ankündigungen von "Hoodoo" deutlich zu dick aufgetragen, denn viel mehr als ein paar glückliche Altfans, vereinzelte Festivalgigs, eine Clubtour und ganz ordentliche Verkäufe zuhause in der Schweiz wird die CD nicht hinterlassen können - die Zeiten für Bands wie KROKUS sind aus kommerzieller Sicht vorbei. Basta. Aber freuen darf man sich dennoch uneingeschränkt. Jedenfalls wenn der Soundcheck positiv ausfällt.

Neulich hat ein selbstverliebter Musikkritiker über die schwedische Band BONAFIDE gesagt, dass sie doch ein wenig mehr Platz für andere Einflüsse als denen aus Australien einräumen sollte, damit die nächste CD den endgültigen Durchbruch markieren könne. Solche Ratschläge in Richtung KROKUS zu schicken wäre selten blöde, denn was sollte man einem wie dem fast sechzig Jahre alten Chris von Rohr bitteschön empfehlen. Der Mann hat das schweizerische Wort des Jahres 2004 kreiert: "Meh Dräck!"; von seinem erfüllten Leben im Rock & Roll gar nicht erst gesprochen. Um den Dreckanteil in "Hoodoo" brauchen wir also nicht fürchten, und ob die Scheibe nun nach AC/DC (bei Dirty Street kommt man um ein Grinsen nicht herum), phasenweise ZZ TOP (noch ein Grinsen bei Dirty Street) oder KISS klingt (was für ein Simmons-Drecksbass in Too Hot), oder der Einfachheit halber direkt von STEPPENWOLF gecovert wird… who cares. Das ist, verdammt noch mal, KROKUS und sonst nix, die Herren wissen schon was sie zu tun haben um ihre verbliebenen Fans von früher glücklich zu machen, auch wenn sie bei sich selbst klauen müssen.
Dirty Street soll als Bourbon Street vor 30 Jahren bereits als Single-B-Seite veröffentlicht worden sein. Das ist gut möglich und zeigt die absolute Zeitlosigkeit von perfektem Rock & Roll. Perfekt ist das korrekte Wort. "Hoodoo" ist perfekt. Zwar nur für den, der "Metal Rendez-Vous", "Hardware" und "One Vice At A Time" für Geniestreiche hält, aber bei denen wird "Hoodoo" einschlagen wie die berühmte Bombe aus dem Phrasenlehrbuch.
Vielleicht sollte noch gesagt sein, dass Born To Be Wild zwar in die Tradition der von KROKUS gecoverten Songs passt (American Woman, School's Out, Ballroom Blitz, Eat The Rich, Stayed Awake All Night, You Ain't Seen Nothing Yet), aber einfach zu totgenudelt ist, als dass man sich noch ehrlich darüber freuen würde. Da ist der Rock'n'Roll Handshake doch deutlich erfrischender. Nach "Hoodoo" denkt man wieder: Oh Mann, was für eine geile Boogieband, was für fetter Hard Rock.

Epilog: KROKUS ohne Zoff wird es nie geben. Schon Ende letzten Jahres wurde in einem Schweizer Boulevardblatt kolportiert, dass Freddy Steady auf "Hoodoo" von einem Amerikaner gedoubelt wurde und er in der Band isoliert sei. Man möchte gar nicht wissen, wie das Klima zwischen Rohr und Arb in der täglichen Zusammenarbeit ist. Der für heutige Verhältnisse bestens dotierte Plattenvertrag bei Sony verlangt zwei neue CDs, da darf man gespannt sein, wer beim Nachfolger von "Hoodoo" noch mit dabei sein wird.

PS: Das Geschwätz "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann ist wirklich Mist. Versucht lieber Chris von Rohrs Bücher "Hunde wollt ihr ewig rocken" und "Bananenflanke" irgendwo zu ergattern, der Mann hat wirklich was zu sagen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 25.02.2010


 
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