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Ocean Pearls
Ocean Pearls, Chiller Lounge Records, 2005
Winfried Drums & Percussion
Markus Guitar
Frank Vocals & Bass
Gäste:
Maddalena Fanelli Vocals
Raymond Gress Piano, Organ
Bernd Mall Accordion
Produziert von: Loonatikk Länge: 50 Min 30 Sek Medium: CD
1. Come A New Day7. Cry Me A River [Arthur Hamilton]
2. Rise A Wonderful Sound8. Blue Skies
3. So Bright9. Copacabana [Barry Manilow/Jack Feldman]
4. Good Times10. One And The Same
5. Diamond Light11. Something Of You
6. Bring It To Bloom12. When You Turn

Hatte ich erst neulich einmal mehr den Zustand der Rockmusik als Kulturgut beweint, was sich im Übrigen ausdrücklich auf die kaum mehr erfolgreich stattfindenden Acts außerhalb des Mainstream bezog, möchte ich nun um erhöhte Aufmerksamkeit bitten, denn mit "Ocean Pearls" von LOONATIKK haben wir eine CD, der, wie so vielen guten Produkten, leider das traurige Los der Ignoranz droht - wenn nicht einigermaßen populäre Multiplikatoren auf die Qualität aufmerksam machen und so wenigstens einen Bodensatz übrig gebliebener Käufer aktivieren können. Alle Systeme also bitte auf "Alarm"!

Die mir bis dato unbekannte Band LOONATIKK aus Baden-Württemberg hat eine erste Platte eingespielt, die so weit vom 1.) Massengeschmack und 2.) meinem persönlichen Hauptbetätigungsfeld entfernt ist, dass sie a.) extrem gefährdet für einen klassischen Ladenhüter und b.) extrem gut sein muss, damit sie ausgerechnet vom Beschwörer des simplen 4/4-Takts besprochen wird. Wenigstens b.) ist völlig richtig, a.) müssen die Kunden entscheiden.
Handelsübliche Schubladen wie "Hard Rock", "Pop" oder "Alternative" verbieten sich bei den Perlen aus dem Ozean völlig, denn die CD ist das alles und dazu viel mehr. Spontan fiel mir beim ersten Hören ein "Frank Zappa war mit ROXY MUSIC im Studio und dann haben sie ihre überkandidelten Frickel- und Schmalzarien beerdigt und gemeinsam richtig knackigen Rock gemacht". Ob's stimmt oder nicht, keine Ahnung. Auf jeden Fall verarbeiten LOONATIKK ungefähr jede populärmusikalische Möglichkeit und, was sie als ausgezeichnete Komponisten und Musiker auszeichnet, sie fügen die Einzelteile vollkommen stimmig, mit Schwung und in jedem Moment eingängig zusammen. Wie das geht?

Wer sich an eines der widerwärtigsten Lieder der Radiogeschichte heranwagt - das von Fahrstuhlsänger Barry Manilow schmerzhaft versülzte Copacabana - und die Nummer, ohne sie zur Persiflage zu machen, so zurechtrückt, dass ein perfekter Chill-Popsong mit Hängemattenflair und Tanzfaktor daraus wird, hat den Dreh raus.
Tanzen in der Hängematte! Wer diese Zirkusnummer beherrscht, braucht sich um seine eigenen Songs nicht mehr sorgen.
Zirkus ist in Verbindung mit LOONATIKK übrigens auch eine Assoziation. In "Ocean Pearls" sind so viele Bocksprünge und Salti eingebaut, dass dem Elefanten in der Arena (Kritiker unterm Kopfhörer) schwindelig werden könnte. Der Zauberkünstler an der Gitarre schafft allerdings eine perfekte Illusion: Er vermittelt dem verblüfften Hörer die Vorstellung einer simplen Rockband und hält die Rhythmusjongleure an Bass und Schlagwerk vordergründig im Zaum. Da es aber die Jungfrau ohne Unterleib in Wirklichkeit nicht gibt, perkussionieren die "Nebenleute" im Hintergrund so entfesselt vor sich hin, dass der aufgewirbelte Staub den Blick auf möglicherweise banalen Rock & Roll verwehrt. Will sagen: "Ocean Pearls" ist höchst komplex, varianten- und abwechslungsreich, wahnsinnig kompliziert und dennoch so simpel, dass auch der einfältigste Discobesucher zu beinahe jedem Song abrocken kann. Oder besser: könnte. Denn ein aufmerksamerer Zuhörer könnte sich Knoten ins Bein swingen.

Noch ein Stichwort: Rock. LOONATIKK sind definitiv Rock. Es folgt ein Zitat aus dem Presseinfo, weil ich es nicht besser beschreiben kann. "Unzweideutig Rock ... aber reichhaltiger, erfrischend. Das mag an den Tango-, Swing- oder Samba-Rhythmen liegen...". Stimmt. Allerdings mag ich doch weder Tango noch Samba. Diese CD mag ich aber. Klingt komisch, ist aber so. Vielleicht liegt es daran, dass "Ocean Pearls" in keinem Moment mit zu viel Samba, Tango oder sonst was nervt, sondern grundsätzlich im richtigen Moment wieder den Dreh zurück zum Rock findet. Oder es liegt daran, dass sämtliche exotischen Einflüsse so subtil und stilsicher verpackt sind, dass sie kaum auffallen?

Dann wäre da noch der Sänger. Ein Schreihals ist der nicht. Nicht mal eine wahnwitzig variantenreiche Chamäleonstimme hat er. Aber eine mit Soul. Soul im Sinne von Gefühl, nicht wie Sam Cooke, der Erfinder des balladesken R&B-Soul. Der schnöselige Brian Ferry ist auch so einer mit Soul, ohne Soul zu singen, und den bewundert man je älter er wird immer mehr.

LOONATIKK haben möglicherweise die reifste Debutplatte des Jahres gemacht. Man darf "Ocean Pearls" getrost als Gesamtkunstwerk bezeichnen, allerdings ist es Kunst ohne elitären Bildungsdünkel, dafür mit dem bodenständigen Flair des jederzeit live reproduzierbaren Rock & Roll. Applaus!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 04.11.2005

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