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| Live At Montreux 2000, Eagle Vision, 2005 |
| Lou Reed |
Guitar & Vocals |
| Mike Rathke |
Guitars |
| Tony 'Thunder' Smith |
Drums |
| Fernando Saunders |
Bass |
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Länge: ca. 123 Min |
Medium: DVD |
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| 1. Paranoia Key Of E | 9. Riptide |
| 2. Turn To Me | 10. Rock Minuet |
| 3. Modern Dance | 11. Mystic Child |
| 4. Ecstasy | 12. Tatters |
| 5. Small Town | 13. Twilight |
| 6. Future Farmers Of America | 14. Dirty Blvd. |
| 7. Turning Time Around | 15. Dime Store Mystery |
| 8. Romeo Had Juliette | 16. Perfect Day |
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Vierzig Jahre Musikschaffen hinterlässt Spuren. Einerseits beim Konsumenten, der den Helden mit zunehmender Lebenszeit immer mehr zum Säulenheiligen macht und keinerlei Widerwort zulässt, andererseits bei den Kritikern, die aus dem Musiker ein Kulturereignis machen und nur noch in pseudointellektuellen Metaphern schwelgen, völlig missachtend, dass es sich um Popmusik handelt, die a.) unterhalten und b.) in Einzelfällen über den Umweg Botschaft-Rebellion-Veränderung bestenfalls Geld einbringen soll. Und nicht zuletzt kann man die Spuren beim Künstler selbst sehen, der in der langen Zeit nicht nur sein Aussehen verändert, sondern auch seinen mehr oder minder kreativen Output (von den ewigen Konstanten wie STATUS QUO, den ROLLING STONES oder AC/DC einmal abgesehen - die man im Übrigen durchaus mit Humor behandeln muss, denn wahre Hingabe an diese simple Form von Entertainment hat hoffentlich nichts mit dem IQ des Kunden zu tun - zwei unserer klügsten Redaktionsköpfe sind übrigens Fans der Stuttgarter Kickers...).
Grundsätzlich freut man sich natürlich, dass Menschen wie Neil Young, Bob Dylan oder eben Lou Reed nach wie vor unter den Lebenden weilen - mancher hat es bekanntlich nur knapp geschafft, Lou Reed gehört sicher zu den Zufallsüberlebenden. Als Musikfan sollte man jedoch wenigstens von Zeit zu Zeit hinterfragen, ob man den Ergüssen seiner mit ihm alt gewordenen Jugenderinnerungen noch folgen kann, will oder muss, damit sich nicht bizarre Situationen wie beispielsweise mit Eric Clapton oder David Bowie auftun, die heutzutage zwar als Weltkulturerbe betrachtet werden, aber als Kreativköpfe seit Jahrzehnten ein Totalausfall sind und lieber ihre schicken Anzüge ausführen, denn als Rocker auffallen. Rock & Roll im Feuilleton der Bildungsbürgerzeitung ist in der Regel eine tote Veranstaltung.
Lou Reed hat in den Jahrzehnten einen riesigen Backkatalog aufgebaut. Völlig normal, dass sich neben den bekannten Geniestreichen auch mittelmäßige und nicht zu wenige unanhörbare Obskuritäten finden. Ich selbst habe Reed nur ein Mal live gesehen und war ob der Lustlosigkeit und offensichtlichen Publikumsverarschung seither nicht mehr gewillt, dem Meister Geld für ein schlappes Konzert nachzuwerfen. Seit die DVD "Live At Montreux 2000" bei mir läuft, warte ich allerdings auf eine weitere Tour des inzwischen 63 Jahre alten Proto-Punks.
Warum ausgerechnet wegen einer DVD, die im sonst so verabscheuungswürdigen Mekka der rockmusikalischen Hochkultur aufgenommen wurde? Fährt der Schmidtlein plötzlich auf Rollkragen und Gymnasiallehrer ab? Mitnichten. Es liegt vielmehr an Lou Reed, der Montreux anno 2000 möglicherweise in eine tiefe Glaubenskrise geführt hat, servierte er den Gourmets nämlich kein zu erwartendes Greatest-Hits-Programm, sondern eine mächtig gewagte Mischung aus damals aktuellen Songs des Albums "Ecstasy" und für Nicht-Insider relativ unbekannte Nummern aus der Vergangenheit (lediglich drei Songs vom 89er "New York" repräsentieren die Historie). Kein Sweet Jane, Heroin, I'm Waiting For The Man und Walk On The Wild Side weit und breit - so viel Mut wünschte man sich von vielen Dinos. Die STONES ohne Satisfaction, LYNYRD SKYNYRD abseits der süßen Heimat von Alabama, das Bierzelt unbeschützt von der Patrona Bavariae, das wäre wunderschön und würde die Grundmauern des reaktionären Publikums erschüttern.
Anstatt abgenudelter Evergreens gibt es frische Kost aus der alten Schule des Gitarrenrock. Musikalisch reduziert und persönlich zurückgenommen gibt Reed mit seiner vorzüglich eingespielten Band den Crossover-Lehrmeister für Freunde gut abgehender Songwriter-Musik, die irgendwo zwischen Richards/Wood, Dylan, CRAZY HORSE, Joe Grushecky und Ian Hunter angesiedelt ist (siehe Twilight, überdies ein würdiger Ersatz für Walk On The Wild Side). Natürlich ist Reed Reed und nicht einer der genannten, aber man darf hoffen, dass über diese DVD auch neue Hörer auf den alten Mann stoßen, und die benötigen eventuell ein paar Anhaltspunkte.
Der "Man in Black" reißt überraschend oft selbst eine heftige Leadgitarre, lässt sich dabei vom großartigen Mike Rathke solide bis genial unterstützen, singt dazu seine Texte von Großstadttieren, Abgründen und seltsamen Obsessionen, erweckt glücklicherweise nie den Eindruck eines "dirty old man" (was mit der Otto-Rehagel-Gedächtnisfrisur auch schwerlich ginge) und würzt seine Performance mit vielen hintergründigen Humoresken, die in ihrer Selbstironie bisweilen darauf schließen lassen, dass das "Rock & Roll Hall of Fame"-Mitglied seine Rolle nach wie vor als Musiker und nicht als Denkmal sieht. Reed performt nicht sich sondern seine Kunst - ein wesentlicher Unterschied zu vielen anderen Museumsbewohnern (siehe Dickey Betts).
Zum Gelingen des Konzerts tragen ganz maßgeblich auch Bassist Fernando Saunders und Schlagzeuger Tony Smith bei. Saunders produziert auf seinen verschiedenen Bässen hypnotische Töne, agiert allerdings auch völlig relaxt als purer Rhythmusgeber und es überrascht nicht, dass große Künstler wie Marianne Faithfull, Jan Hammer oder Jeff Beck ihn immer wieder gerne verpflichten (für die Southern Rocker: Freddie Salem von den OUTLAWS und GODZ holte ihn 1982 für sein gesuchtes Album "Cat Dance").
Drummer Tony Smith ist der wahre Augenschmaus dieser DVD. Die Art und Weise seines Vortrags, präzise, wuchtig und bis zum letzten Beckenschlag vollgepackt mit Groove, sollte als Lehrvideo an alle Holzhacker hinter den Pauken verteilt werden. Powerdrumming und Gefühlspercussion in einem.
Weite Teile des Vortrags münden immer wieder in Jam-artige Songmonster, wobei nicht selten Erinnerungen an das spektakuläre "Re-ac-tor"-Album von Neil Young geweckt werden. Wer T-Bone mochte, wird Riptide lieben. Natürlich bekommt auch der zynisch-sensible Geschichtenerzähler Reed genügend Platz (Rock Minuet ist eines der packendsten Lieder der letzten Jahrzehnte - trotz oder gerade wegen dem gestrichenen E-Bass und nahezu völligem Stillstand bis zur zwangsläufig folgenden Explosion der Emotionen) und der kurz und bündige, rifflastige Rock & Roll kommt ebenfalls nicht zu kurz - dafür fehlt glücklicherweise jede Abgehobenheit mancher Zusammenarbeit mit John Cale. Gut eineinhalb Stunden "wütet" die Band durch ein sensationelles Set und wird vom Publikum für einen ausgiebigen Zugabenblock zurück geklatscht. Faire Verlierer, diese Schweizer, denn immerhin haben sie eigentlich nicht bekommen, was sie erwartet haben. Dafür 120 Minuten große Rockmusik.
"Live At Montreux 2000" ist nicht "Rock N Roll Animal". Diese Liveplatte ist aber auch über dreißig Jahre alt und Lou Reed lebt im Heute. Das ist toll. Genau wie die Beschränkung der vorliegenden DVD auf das Wesentliche, nämlich die Musik, und den Verzicht auf hektische Kameraführung, sinnlose Interviews und banale Bildergalerien. Ein Referenzwerk für alle weiteren Montreux-Elaborate.
Format: DVD 9, Dual Layer
Bild: 4:3, PAL (hervorragend)
Ton: DTS (hervorragend), Dolby Surround 5.1 (hervorragend), PCM Stereo (gut)
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