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CD-Review:
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Es ist Mitte Dezember. Also kalt, nass und finster. Seit drei Monaten ist es nicht mehr möglich gewesen, in einem Biergarten zu sitzen. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Um sie zu heben, lässt sich eine Horde außer Kontrolle geratener Kapitalverbrecher in Berlin ständig neue Gags einfallen. Höhere Steuern, längere Arbeitszeiten, ein Rentenversprechen schon ab dem siebzigsten Lebensjahr, ein kollabierendes Gesundheitssystem garantiert uns ärztliche Versorgung nur noch auf dem Seziertisch, man kreiert neue Billigjobs, aber nur um Millionen Arbeitslose vom Sozialamt fernzuhalten. Vor einem Jahr hab ich in der Kneipe 5 Mark für mein Bier bezahlt. Heute 3 Euro 30. Das sind die 3% Preissteigerung, den mir die beamteten Zahlenverbieger vorrechnen. Aha. Und zu allem Überfluss steht auch noch das Christkind vor der Tür. Dieses kleine, vom Einzelhandelsverband erfundene Monster. Was hat das alles mit Musik zu tun? Nichts natürlich. Obwohl, vielleicht doch? Der Musikszene geht es bekanntlich auch nicht gut. Es geschah an einem dieser ekligen Novembertage. Ich bekam Post aus der westaustralischen Provinz. Zwei CDs einer Band namens PRAWNS WITH HORNS. Lustiger Name. Schnell zum Gefrierschrank und schauen, ob meine King Prawns auch Hörner haben (ein wenig Luxus gönnt man sich halt immer noch). Nö. Wie langweilig. Ach so, die Band bezieht das wohl eher auf ihre drei Bläser im Lineup. Also rein mit der ersten CD. Hoppla. Erster Gedanke: KID CREOLE und seine Kokosnüsse. Erinnert sich noch jemand an den albernen Typen, der mit pseudowitzigem Ska und lächerlicher Polonaise vor Urzeiten nervte? Nächste Nummer. Schöne Gitarre. Feister Groove. Handgeblasene (häh???) Horn-Loops. Und was für ein Gesang... Himmel, wo haben die denn den Frank Zappa her? Der ist doch...? Ach was. Der hat nie solchen Funk Rock gemacht. Weg mit den Hausschuhen und die Tanzschuhe von Adidas aus dem Schrank. Mittlerweile muss ich das Fenster aufmachen. Seltsam, der hereinströmende Herbstnebel riecht so komisch nach Kräutern. Ich unterhalte mich mit Forest Jump und spiele Luftgitarre mit ihm. Weltsensation! Die erste Funky-Air-Twin-Guitar im Duell mit drei hüpfenden Blechbläsern. Und alle in meinem Musikzimmer... Scheiße. Jemand tritt die Tür ein. Polizei? Ach so. Nur die Beastie Boys. Die haben wohl auch von der Party gehört und schauen kurz vorbei. Aber warum rappen die Free the weed? Ich bin absolut dagegen. Das Zeug gehört nicht befreit, sondern in die Tüte! Es folgt eine wilde Session mit den Boys und Frank und Forest und mir und Bob Marley toastet "wicked show maaan... rrrrastafari.... smoke it... legalize it... you rock with the prawn with horn". CD ist aus und wie von Geisterhand fliegt CD 2 vollautomatisch in den Player. Mittlerweile sind an die 50 Leute in meinem 15 Quadratmeter-Kabuff. Wir rätseln, was "Beetroot Cheroot" bedeuten könnte. Der gleichnamige Song steckt so eben mal die BritPop-Fraktion in die Tasche. So macht man Songs mit Melodie! Mensch ist das heiß hier. Vamos Jungs! Let's go to the beach! Hey Latino! Du auch! Vamos a la Playa! Einen Song hab ich vergessen. Idiot Secrecies. Freunde, es bleibt mein Geheimnis, was ich geraucht habe! Kommt Euch das alles etwas wirr vor? Gut! Die PRAWNS WITH HORNS machen auch wirre Musik. Ein wirrer Mix aus kräftigem Rock, Funk, Ska, Reggae und was weiß ich noch allem. Die Kunst daran ist, dass die 8 aus diesem Durcheinander absolut partytauglichen Goodtime-Wohlfühlsound mit richtigen Songs und haufenweise Ohrwürmern kreieren. Und das muss man erst mal so hinkriegen. Ich kenne keine vergleichbare Band. Australier sind eben anders. 2003 gibt es den lustigen Krabbencocktail auch in Europa. In Deutschland u.a. beim Zappa-Festival in Bad Doberan (Mecklenburg-Vorpommern). Gourmets dürfen sich so etwas nicht entgehen lassen! Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 14.12.2002
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