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Lost And Found

Delp & Goudreau

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Frontiers Records
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All Music Guide (englisch)

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Lost And Found
Delp & Goudreau
Lost And Found & Delp & Goudreau, Frontiers Records, 2004
Brad Delp Vocals
Barry Goudreau Guitars, Keyboards
David Stefanelli Drums
Brian Maes Keyboards
Tim Archibald Bass
Patty Barkus Choirs
Jack O-Soro Congas
Produziert von: Barry Goudreau Länge: 45 Min 55 Sek & 40 Min 36 Sek Medium: Do-CD
CD 1 - RTZ "Lost And Found":
1. One Step Away7. Rock The Night
2. Fool For Love8. Winners And Losers
3. Such A Feel9. Better & Better
4. Rise Above It All10. Power Of Love
5. Social Disease11. Show Me
6. I'm On A Roll
CD 2 - Delp & Goudreau "Delp & Goudreau":
1. What You Leave Behind6. Everyday
2. Hands Of Time7. I Need Your Love
3. Let It Roll8. The Rhythm Won't Stop
4. Out Of My Hands9. Reconciliation
5. Keep On Runnin'10. My One True Love

Selten hat eine LP die Rockgemeinde so gespalten wie 1976 das Debut der Band BOSTON. Ich sage bewusst "Rockgemeinde", denn die Platte ist kommerziell bis heute eine der bestverkauftesten Platten aller Zeiten. Dem Mainstreampublikum wurde das Ding bis zur Extase in jeder Disco, jedem Radiosender um die Ohren gehauen, More Than A Feeling war ein Monsterhit (mit Überdrussfaktor 1 beim "gestandenen" Rocker - man denke nur an das entnervende rhythmische Geklatsche...) und um Chef Tom Scholz und seine technischen Spielereien wurde ein riesiger Hype und Zirkus mitsamt Glorienschein und Mysterien aufgebaut. Ein perfekter Konterpart zu den Punks aus England und New York. Davon abgesehen bot "Boston" einige grandiose Hardrock-Songs, die seither ihresgleichen suchen (Rock & Roll Band dürfte bis heute jedes Stadion rocken).
BOSTON war aber nicht nur Scholz, maßgeblich waren daran Gitarrist Barry Goudreau und vor allem Sänger Brad Delp beteiligt. Dass der auch den tödlichen Boogie Smokin' und die sich in einen perfekten Rocker aufbauende Ballade Let Me Take You Home Tonight mitverantwortete, ging im Wirbel um Scholz unter.
Auf Delp mochte Scholz auch auf Album 2 und 3 nicht verzichten (beim elend schlechten 2002er "Corporate America" war er später wieder zu hören), Goudreau war nur noch beim Zweitling "Don't Look Back" von '78 dabei.
Mutmaßlich wurde es den beiden irgendwann zu blöde, immer jahrelang auf neue Arbeit bei Scholz zu warten - BOSTON brachten es seit 1976 auf insgesamt ganze 5 Veröffentlichungen - und sie tauchten beide ab und an auf irgend welchen Plattenhüllen als Sänger/Gitarrist auf (mit Scholz hat Goudreau sich nur noch über Anwälte unterhalten). Anfang der Neunziger machten Delp und Goudreau wieder gemeinsame Sache und gründeten die Band RTZ, die sich aber letztendlich auch nur als Projekt herausstellte, denn zu mehr als einer regulären CD ("Return To Zero", 1991) reichte es nie.

Jetzt veröffentlicht das italienische Label Frontiers Records plötzlich eine Sammlung Songs, die offenbar vor dieser ersten CD entstanden sind. Nähere Angaben findet man nicht, außer dass sie bereits "before released" sein sollen. Keine Ahnung wo, auf dem Debut und der vor einigen Jahren auf den Markt geworfenen Compilation "Lost" nicht.

Wie stark BOSTON von Delp/Goudreau beeinflusst war - oder war es umgekehrt - stellt sich auf "Lost And Found" heraus. Letztendlich ist die CD eine späte Wiedergeburt von BOSTON, allerdings in Light-Version. Zuerst fällt auf, dass Bradley Delp lange nicht mehr so brillant singt wie 1976, aber immer noch eine schöne und kraftvolle Stimme hat. Dann fällt auf, dass sich die Herren songwriterisch in den gut 15 Jahren kaum weiterentwickelt haben und drittens ergibt sich daraus der Schluss, dass BOSTON eigentlich die gesamten 80er Jahre weit vorweg genommen haben. Wir hätten uns all den unsäglichen, zu Tode produzierten, Melodic-A.O.R.-Mainstream Quatsch getrost sparen können. Das hat zur Folge, dass RTZ zu Beginn der 90er so überflüssig wie ein Kropf waren.

Ist also "Lost And Found" im Jahr 2004 dringend notwendig? Natürlich nicht, aber da Melodic Rock in den letzten zwei Jahren eh eine kleine Renaissance erlebt hat, ist es nur folgerichtig, dass man den BOSTON-Fans diese CD heute zugänglich macht. Und zum größten Teil ist die gebotene Musik beileibe nicht schlecht. Ein paar Unterschiede im Sound zwischen den einzelnen Nummern sind feststellbar, einmal klingt es gar etwas nach Demo, die Produktion ist für Goudreau-Verhältnisse relativ stripped, was aber immer noch genügend Pomp und Bombast bietet. Ganz peinliche Ausrutscher ins Schmalztöpfchen werden vermieden (auch wenn Nummern wie Fool For Love natürlich grenzwertig sind), Goudreau entpuppt sich als veritabler Gitarrist und die Band zockt brav im oberen FOREIGNER-Bereich.
Zwischendurch wird manchmal heftig - wenn auch tief in den Siebzigern verwurzelt - gerockt (Social Disease, I'm On A Roll) und damit schiebt man die Gesamtbewertung schlussendlich ins gehobene Mittelfeld.

Die aktuellere und dementsprechend eigentlich wichtigere CD wird hier als Bonus mitgeliefert. Es handelt sich um das 2003er Werk "Delp & Goudreau", das es bisher nur als Import bei uns gab.
Ich weiß nicht, wie sich die beiden über all die Jahre zwischen ihren Projekten über Wasser halten (oder werfen die Scheiben von vor über 25 Jahren noch immer so üppig Tantiemen ab?), viel Zeit um zeitgenössische Musik zu hören haben sie offenbar nicht. Oder sie sind einfach nur stockstur und bezeichnen die paar Lennon/McCartney-Reminiszenzen als modernen Einfluss.

Man hört die "Heimproduktion" schon deutlich, die bekannten softwaretechnischen Hilfsmittel stören (mich, den Naturkostliebhaber) bisweilen. Delp hat nochmals etwas an Stimmvolumen verloren, quält sich in den oberen Lagen doch beträchtlich und Goudreau zupft viel akustische Gitarre.
Die Platte braucht leider einige Zeit, um in Fahrt zu kommen. Die drei ersten Songs bewegen sich im niedrigen, bestenfalls mittleren Tempobereich und enttäuschen unterm Strich. Erst mit Out Of My Hands kommt langsam etwas Schwung in den Laden. Die Nummer erinnert übrigens leicht an CHEAP TRICK. Dass die wiederum als Haupteinfluss die BEATLES angeben... nun ja.
Ein nettes Instrumental gibt es mit Keep On Runnin'. Wäre nicht die erdige Orgel, man könnte sie auch einem Steve Vai zuschreiben. Die Strafe für so viel harten Rock folgt sofort mit der Klischeeballade Everyday. Textzeilen wie "Home is were the heart is... love goes stronger everyday" sollten heutzutage mit Kerker belegt werden. Genau wie die synthetischen Streicher im nachfolgenden I Need Your Love. Ein ziemlich übler McCartney-Schlager.
Wie viel an der Liveaufnahme The Rhythm Won't Stop echt ist, sei mal dahingestellt. Delp konstatiert, dass die Leute zwecks Rock & Roll gekommen wären, hoffentlich hat man ihnen nicht den ersten Teil dieser CD vorgespielt. Es wäre eine bittere Enttäuschung gewesen.
The Rhythm Won't Stop ist eine hübsch groovende Westcoast-Nummer, die man sich auch von den DOOBIE BROTHERS vorstellen könnte. Auf jeden Fall der untypischste Song für die beiden. Hiermit und mit dem heftig fetzenden Reconciliation kriegt die CD doch noch knapp die Kurve und wird nicht vom Fettabsorber der örtlichen McDonalds Filiale aufgesaugt.

Einzeln würde ich "Delp & Goudreau" nicht empfehlen. Im Doppelpack mit "Lost And Found" kann man es problemlos mitnehmen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 12.11.2004

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