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| Tamara Danz - Legenden, Ch. Links Verlag, 1997 |
| ISBN: |
3-86153-124-0 |
| Umfang: |
223 Seiten |
| Preis: |
ca. 10 EUR |
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Wenn ein Porträt über einen Künstler mit den Worten "Zu DDR-Zeiten war ich nie ein großer Silly-Fan gewesen... Ich fand die Gruppe in ihren frühen Jahren, als sie sich noch Familie Silly nannte, albern. So albern wie die langen Ringelstrümpfe der Sängerin... Wahrscheinlich glaubte ich ihnen nicht..." beginnt, dann sind das optimale Bedingungen für ein ehrliches Buch und ich hatte ein eigenartiges Déjà-vu-Erlebnis, denn eigentlich ging es mir ähnlich. Ich hatte SILLY einmal live gesehen, ca. 1986 bei einem sozialistischen Jugendfestival in Dortmund (!), und die Performance ging mir irgendwie vorbei. Speziell die Texte fand ich, als klare Worte gewohnter Wessi, völlig daneben. Schreckliches Geschwurbel und lyrische Verdrehungen einfachster Dinge, die ganze Palette DDR-typischer Sprachverquastung eben. Wie klar waren doch die Ansagen von TON STEINE SCHERBEN dagegen.
Und das Outfit... Gut, es war Mitte der 80er, aber diese Streifenhosen und vor allem die Haare... Immer wieder kam mir der (gänzlich unsozialistische) Gedanke, dass die Jungs bestimmt vor dem Gig beim Einkaufen bei C & A waren und in ihrem Bandbus einige Eimer Persil gebunkert hatten.
Musikalisch dagegen war der Auftritt einwandfrei. Die alte Ostblock-Schule. Perfekt ausgebildete Musiker ohne Fehl und Tadel. Klinisch rein dank dem VEB Stromgitarre. Und die Sängerin hatte eine eigenartige Präsenz. Immer in der Mitte der Bühne, alles einnehmend, Band und Publikum fest im Griff und sie sah toll aus, trotz "Ich-will-auch-ne-Barbie-haben"-Verkleidung.
Die Sängerin Tamara Danz starb am 22. Juli 1996 an Krebs.
Bereits 1997 schrieb der Journalist Alexander Osang dieses Buch, das mir jetzt erst (auf Empfehlung aus dem Osten) in die Hände fiel und ich war lange nicht mehr, vielleicht noch nie, so gepackt von einem Buch über einen Musiker. Von Heldenverehrung, Anbetung, schleimerischer Anbiederung keine Spur.
Der Mann, der SILLY albern fand, hat mit Tamara Danz, kurz vor ihrem Tod, Telefongespräche geführt und später mit Leuten aus ihrem Umfeld geredet. Ehemalige und aktuelle Mit-Musiker, Freundinnen, ihr Vater, Plattenmanager, Politiker, Ärzte und Jim Rakete kommen zu Wort.
Ich habe viel gelernt aus diesem Buch. Zum Beispiel, dass sich das Musikbusiness in Ost und West eigentlich nur durch ein paar ideologische Besonderheiten und Sprachregelungen unterschieden hat. Hüben wie drüben kann ein Manager einer Plattenfirma ganz genau so gut (respektive schlecht) eine x-beliebige andere Firma in den Abgrund wirtschaften. In diesem Fall ist es ein ehemaliger AMIGA-Obermotz, der nach der "Wende" als Bauträger (also Spekulant und Vereinigungsgewinnler) fungierte.
Anrührend sind vor allem die Gespräche mit ihren beiden Lebensgefährten und Bandkollegen Ritchie Barton und Uwe Hassbäcker.
Osang zeichnet ein Bild von Tamara Danz, das nicht immer sympathisch erscheint. War sie eine, vom System und ihren Eltern, verwöhnte kleine Diva? Oder war sie ein bequemes Ding, das einfach nur mitschwamm im miefigen Karpfenteich der Genossen? Oder war sie eine Musikerin mit Visionen und klaren Vorstellungen, die aber durch gewisse Umstände nie richtig realisierbar waren? Wie wäre ihre Entwicklung verlaufen, wenn ihr Ausreiseantrag (ein halbherziger?) genehmigt worden wäre?
Darüber hinaus zeichnet Osang auch ein Bild der DDR, wie sie aus Sicht von Künstlern Bestand hatte. Das ist packend und spannend, denn eigentlich verstanden wir (im Westen) das System nicht. Egal ob glühende Feinde (erinnert sich noch jemand an die Hetzsendung "ZDF-Magazin" mit dem Chefdemagogen Gerhard Löwenthal, der sicher irgendwie verwandt war mit Karl-Eduard Schnitzler, dem östlichen Gift und Galle Spucker) oder mehr oder weniger offene Bewunderer des anderen Deutschlands. Fakt ist, auch SILLY fielen nach der "Wiedervereinigung" (ich werde dieses Wort mein Leben lang hassen) in ein Loch und erst ein gewisses Verlangen der Ostdeutschen nach "alten Werten" hat sie zurück ans Tageslicht gespült.
Ein besonderes Schmankerl ist Osang mit dem Interview von Polit-Anbiederer Manfrede Stolpe gelungen. Ein weiterer peinlicher Beweis, dass Politiker um Himmels (oder Teufels) Namen ihre Finger aus jeder Art von Kultur heraushalten sollten. Wählbar war dieser Clown sowieso nie.
Tamara Danz' Todestag jährte sich vor einer Woche zum siebten Mal und SILLY gibt es natürlich nicht mehr. Aber dieses Buch sollten sich alle Leute mit musikalischem und zeitgenössischem Interesse zu Herzen nehmen.
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