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Silvertrane
Silvertrane, Eigenvertrieb, 2005
Dave Moretti Vocals, Harmonica & Lap Steel Guitar
Umberto Poli Acoustic-, Electric- & Slide Guitar
Maurizio Spandre Piano, Hammond, Rhodes & Backing Vocals
Simone Bellavia Bass & Backing Vocals
Alan Brunetta Drums, Percussion & Vibraphone
Gäste:
Simone Ubezio Backing Vocals
Giulia Coluzzi Lead & Backing Vocals (Mr. Dark & Lady Light)
Matteo Ricciardi Sax (Calista & Lazy Bitch)
Produziert von: Simone Ubezio Länge: 40 Min 53 Sek Medium: CD
1. Far Away5. Lazy Bitch
2. Silently6. Where Dies The Sun
3. Calista7. Trouble
4. Another Star8. Mr. Dark & Lady Light

Gespräch mit einem namhaften Münchner Schreiberkollegen neulich bei einem tiefsinnigen Bier: "Sag amoi, host du manchmal a so a Gfui vo Leere bei dene ganzen Scheißplattn?", "naaa, wos fia Scheißplattn, mei Bier is leer?", "i kann den ganzen Punk-, Melodic-, Blues-Mist nimma hörn", "i scho", "zwanzg Jahr mach i des jetzt...", "jaaaa, d' Zeit vergeht, Gerda, bringst ma no oans", "wenn wenigstens ab und zua was spannends dabei wär", "geh, hör doch auf, mir wern ja quasi zuagschissn mit spannende Plattn", "ihr seids ja a Onliner und könnts machen was ihr wollts, wos glaubst, wia uns da Verlag auf'd Haxn steigt, wenn mia schreiben dadn was ma woin".
Und genau das ist des Pudels Magengeschwür. Weil irgendwelche Industrie-Interessensverbände qua Machtposition den Fluss der Informationen nach ihrem Gutdünken lenken, gehen ganze Heere wissenshungriger Menschen leer aus, werden ganze Generationen großartiger Künstler totgeschwiegen, werden ECHTE Trends verpasst und dafür irgendwelcher kurzlebiger Hype-Mist mit gewaltigem Aufwand gepusht. Ganz nebenbei werden auch noch gute Journalisten sekiert und an den Rand der Depression gedrängt.

Ganz und gar unbemerkt von den Massenmedien, und demzufolge auch der großen Öffentlichkeit, hat sich in den letzten 2, 3 Jahren ein Rock & Roll Blümchen entwickelt, das so spannend wie schön ist, und das spektakulärerweise aus Italien kommt. Not the hometown of Rock & Roll, ganz sicher nicht gesegnet mit dem größten Szenepublikum, dafür offenbar gespickt mit Weltklassebands. Angefangen hat alles mit den grandiosen W.I.N.D., dann kamen die nicht minder tollen VOODOO LAKE und dann ging es Schlag auf Schlag: WICKED MINDS, SMALL JACKETS, VERDENA, der wundervolle Shouter Graziano Romani und jetzt, Ladies and Gentlemen, SILVERTRANE!

Der silberne Zug mit dem kleinen Schreibfehler düst seit 1997 umher, hat aber erst in den letzten zwei, drei Jahren stabiles Bordpersonal gefunden. Das ist auch kein Wunder, denn die jetzige Band hat ein Durchschnittsalter von 22 Jahren, der älteste ist 23, der jüngste 20.
Nun wissen wir, dass viele Home of Rock Leser gut und gerne Väter dieser jungen Hüpfer sein könnten und dem Nachwuchs eher wenig zutrauen. Euch sei gesagt: Kommt von Eurem altersweisen Thron herunter, steckt endlich die Erinnerungen von früher weg und nehmt zur Kenntnis, dass der Zug für all die Heroes von damals längst abgefahren ist und die Musik heute von einer neuen Generation gespielt wird. Wer frische, kreative, lebendige Sounds will, soll bitte nicht mehr auf die nächste Platte der SKYNYRD BROTHERS warten. Es war Zeit für einen Wechsel, jetzt ist er da, freut Euch also darüber, Ihr alten Knochen. Und außerdem kann man sich freuen, dass diese Bands nicht aus Alabama, Georgia oder Tennessee kommen, sondern quasi aus der Nachbarschaft, grade mal über den Brenner, ergo die Chance auf Konzerte bei uns deutlich größer ist als bei den überseeischen Vorvätern.

SILVERTRANE haben einen direkten Bezug zu VOODOO LAKE. Produziert wurde dieses Debut nämlich von deren Sänger/Gitarristen Simone Ubezio im gleichen "Bottleneck" Studio wie die formidable neue VOODOO LAKE CD "Flowers In The Sand". Außerdem teilen sich beide Bands den Keyboarder Maurizio Spandre und SILVERTRANE-Bassist Simone Bellavia springt ab und an bei den Voodookünstlern ersatzweise ein. Darüber hinaus gastieren Alan Brunetta, der Drummer von SILVERTRANE, bzw. Simone Ubezio und die wundervolle Giulia von V.L. wechselseitig auf der jeweils anderen Platte. Fast schon ein Familienbetrieb, aber so sind die Italiener eben.

Endlich zur Musik. Vorab: Alter und Herkunft der Jungs spielt keine Rolle. Wir haben es mit einem ausgewachsenen Meisterwerk zu tun und dürfen uns uneingeschränkt in Lobeshymnen ergehen.
Natürlich wecken SILVERTRANE Assoziationen zu anderen Bands. Natürlich fallen da Namen wie ALLMAN BROTHERS, GOV'T MULE, LYNYRD SKYNYRD. Völlig ok ist das, schließlich wollen wir ja nicht die Neuerfindung der Musik, sondern nur eine Neubelebung. Es gibt das schreckliche Wort "wertkonservativ" für diese Einstellung.
Mit einem satten Slide-Intro geht es los, messerscharfe Bluesharp, Rock & Roll! Es pumpt und swampt, Dave Moretti erinnert an Georg Bayer, den Recken von LIZARD, Bass und Schlagzeug fangen an zu zaubern, was für ein Knaller zum Einstieg. Sapperlot, dieses wärmende LIZARD-Gefühl verstärkt sich bei Silently noch. Hat da etwa eine weitere Band begriffen, dass gute Musik ohne dümmliche Klischees auskommen kann?
SILVERTRANE bieten keine leichtgängige Tanzmusik. Der aufmerksame Zuhörer wird dafür verblüffende Instrumentaltechniken, brisante Arrangements mit immer wieder neuen Wendungen und Ausflüge in (für den Rocker) artfremde Gefilde erleben. Jazz leichtgemacht, ohne erhobenen Akademiker-Taktstock, aber mit schwindelerregenden Fähigkeiten, gerne auch mal am Vibraphon wie in Calista, das sich aber in der Folge zu einem dicken Rocker entwickelt. Beim schleichenden Smooth-Rocker Lazy Bitch ergänzen sich beispielsweise Harmonika und Saxofon - geniales Lied für den Rock'n'Roll-Don Juan beim nächsten Aufriss. Ja, SILVERTRANE haben Gefühl. Besonders erwähnenswert ist einmal mehr das überragende Keyboard-Talent Maurizio Spandre. Der muss das Feeling mit dem Mutter-Mozzarella injiziert bekommen haben.

Wenn die Band bei Where Dies The Sun beschwingt jammt, wenn in Trouble Lap Steel und Akustische zum Einsatz kommen, wenn Mr. Dark & Lady Light eine heiße Affäre haben, dann ist man am Ende dieser fabelhaften CD angekommen und wird sie wieder und wieder und noch mal hören. Vorausgesetzt man ist Fan von Gänsehautmusik.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 26.01.2006

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