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Tommy

as performed by the London Symphony Orchestra & Chamber Choir with Guest Soloists

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Tommy - as performed by the London Symphony Orchestra & Chamber Choir with Guest Soloists
Tommy - as performed by the London Symphony Orchestra & Chamber Choir with Guest Soloists, Repertoire Records, 2009 (1972)
The London Symphony Orchestra
The English Chamber Choir
David Measham Conductor
Solisten:
Pete Townshend
Sandy Denny
Graham Bell
Steve Winwood
Roger Daltrey
Maggie Bell
Richie Havens
John Entwistle
Merry Clayton
Ringo Starr
Rod Stewart
Richard Harris
Produziert von: Lou Reizner Länge: 70 Min 19 Sek Medium: CD
1. Overture14. There's A Doctor I've Found
2. It's A Boy15. Go To The Mirror!
3. 192116. Tommy Can You Hear Me?
4. Amazing Journey17. Smash The Mirror
5. Sparks18. I'm Free
6. Eyesight To The Blind19. Miracle Cure
7. Christmas20. Sensation
8. Cousin Kevin21. Sally Simpson
9. The Acid Queen22. Welcome
10. Underture23. Tommy's Holiday Camp
11. Do You Think It's Alright?24. We're Not Gonna Take It
12. Fiddle About25. See Me, Feel Me
13. Pin Ball Wizard

Der arme taubstumme und blinde Tommy wurde von Pete Townshend ersonnen, zu Weltruhm geführt und - ausgeschlachtet bis zum bitteren Ende. Nach dem epochalen 69er Album gab es Mitte der Siebziger den Film mitsamt Soundtrack mit dem überwältigenden Roger Daltrey in der Haupt- und zig Superstars in Nebenrollen, in den Neunzigern kam schließlich das lange befürchtete Musical auf die Bühne. Pete Townshend hatte über alle Projekte die Verfügungsgewalt, auch über jenes, das über die Jahrzehnte das womöglich am meisten in Vergessenheit geratene wurde, obwohl es 1972 ein Millionenerfolg war: "Tommy - as performed by the London Symphony Orchestra & Chamber Choir with Guest Soloists".
Liest man heute in den vergilbten Schriften des Jahres 1972 nach, findet man zur damaligen Veröffentlichung entweder Unverständnis oder Ablehnung, Townshend und THE WHO wurden des Mainstream und des kommerziellen Ausverkaufs geziehen, man witterte gar eine unbotmäßige Annäherung ans Bildungsbürgertum und, schlimmer noch, an die Spießer dieser Welt. Das ist nett, vor allem wenn man sich das Publikum eines WHO-Konzerts heutzutage anschaut. Dabei hat Guitar-Pete gar nichts schlimmeres getan, als sich seine Rockoper "Tommy" vom Amerikaner Lou Reizner und den Londoner Symphonikern vergeigen zu lassen.
Vergeigen ist ausnahmsweise nicht im Sinne von "Versemmeln" zu verstehen, Townshend wollte der seiner Meinung nach nicht perfekten, gleichwohl kommerziell megaerfolgreichen WHO-Version noch einen draufsetzen lassen. Über das Ergebnis darf man auch knapp 37 Jahre später noch geteilter Meinung sein, jedoch dürfte sich a.) die Sichtweise und Meinung vieler damals junger Fans über die lange Zeit deutlich verändert haben und b.) macht eine Wiederveröffentlichung in so schöner Aufmachung - mit fast identischem Artwork, naturgemäß leider kleiner - heute tatsächlich wieder Sinn, denn die meisten Originalvinyls dürften längst nicht mehr abspielbar sein.

Was passierte also im Dezember 1972 im Londoner Rainbow Theatre?
Townshend hatte ein fast beängstigendes Staraufgebot inklusive seiner eigenen Band zusammengetrommelt, die Londoner Symphoniker waren in Kompaniestärke angetreten und dazu gab es den English Chamber Choir mit einer in der Rockmusik bis dahin noch nicht gehörten Gesangswucht. Er und Lou Reizner hatten natürlich eine andere Ausgangsposition als drei Jahre vorher DEEP PURPLE, deren "Concerto For Group And Orchestra" extra für die Aufführung mit dem Royal Philharmonic Orchestra von Jon Lord geschrieben wurde, Townshend musste sein Werk "nur" neu arrangieren (lassen). Bis heute kann man jede negative Meinung zu solchen Experimenten akzeptieren, die grundsätzliche Frage, ob Rock & Roll und Klassik miteinander kopulieren sollen, wird wohl nie mehr abschließend beantwortet werden können. Unbestreitbare Tatsache ist allerdings, dass der Dirigent David Measham sein Orchester und den Chor zu gewaltigen Anstrengung motivierte, die "Wall of Sound" ist beeindruckend, ganz egal ob man Klassikfan ist oder nicht. Ein klein wenig einschränkend muss man sagen, dass heutzutage eine Interpretation von einem Spitzenorchester - wie es das London Symphony Orchestra ist - vermutlich etwas anders klingen würde, auch in der Klassik ist die Zeit nicht stehen geblieben, manche Arrangements auf "Tommy" erinnern doch sehr an Darbietungen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Andererseits entstammt auch Townshend dieser Zeit, ergo hat er "Tommy" damals nicht für das Jahr 2009 komponiert. Sei's drum, lassen wir uns die von Stromgitarren geschundenen Ohren zur Abwechslung von einem hundertköpfigen Orchester versohlen.

Die Charaktere der Handlung werden durchgehend von damaligen und größtenteils auch noch heutigen Megastars verkörpert. Angeführt von der leicht verhuschten Krankenschwester Sandy Denny in It's A Boy, die nach der furiosen Overture (Townshend hält mit der akustischen Gitarre dem Sturm von Dutzenden Streichern bravourös Stand) ein kleines Intermezzo gibt, über den abwechselnden Gesang von Steve Winwood, Maggie Bell und Roger Daltrey in 1921, hin zur vielleicht besten Townshend-Vokaleinlage aller Zeiten, Amazing Journey. John Entwistle (auch als Cousin Kevin zu hören) lässt dazu einen Bass vom Stapel, der seinen Spitznamen The Ox einmal mehr begründet und der Chor macht Feuer. Zwischendurch sorgt das Orchester in Sparks für großes Drama und Daltrey singt dann zusammen mit Winwood alles in Grund und Boden. Christmas ist brillante Vokalartistik.
Aus dem Film kennt man Tina Turner als Gypsy, aka Acid Queen, hier hat die große Soulsängerin Merry Clayton eine Sternstunde, wird allerdings von einigen allzu süßlichen Orchesterpassagen etwas abgedrängt.
Die Story nimmt ihren Lauf, Ringo Starr brummelt den Uncle Ernie in Fiddle About, bis Rod Stewart ein zwar gewöhnungsbedürftiges aber dennoch überwältigendes Pin Ball Wizard von sich gibt. Der Song wurde damals als Single veröffentlicht und verdientermaßen zum Hit. Spätestens an dieser Stelle ist man sicher, dass sich alle Beteiligten allerhöchsten Respekt zollten, die Klassiker schufteten wie die Berserker und die Rocker leisteten mit höchster Konzentration und größtmöglicher Perfektion und Stimmkraft ihre Parts.
'Tommy' Daltrey überstrahlt mit seiner Stimme immer wieder alles, aber auch die sensationelle Maggie Bell begeistert in ihren kurzen Auftritten als Tommys Mutter über alle Maßen, bis zum, nun ja, guten Ende hin Daltrey jubilierend I'm Free, Sensation und We're Not Gonna Take It performt. Dazu möchte man bewegte Bilder sehen, bekanntlich hatte Daltrey auch optisch eine höchstens von Robert Plant erreichte Strahlkraft. Das finale See Me, Feel Me dient sozusagen als Abspann unter Tränen.

Wäre unser Bildungssystem nicht so desolat, wäre solche Musik längst Lehrstoff, stattdessen findet man in nicht wenigen Lehrplänen deutscher Gymnasien folgenden Inhalt (wenn Musik überhaupt noch unterrichtet wird): "Umgang mit Musik (Musiktechnik, Casting, Musikmarketing)." Kids, Pete Townshend hat zuerst Gitarren zerschreddert und Musik für die Ewigkeit geschrieben, dann erst hat er über Marketing nachgedacht. Verplempert eure Zeit also nicht mit Castingshows, versucht "Tommy - as performed by the London Symphony Orchestra..." zu verstehen, es ist nämlich in diesen 70 Minuten Musik so viel Kultur enthalten, wie sich die Bohlens dieser Welt noch nicht mal vorstellen können.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 31.03.2009

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