|
|
| Life In The Foodchain, Gadfly Records, 1978 (1995) |
| Tonio K. |
Vocals, Guitars |
| Earl Slick, Nick van Maarth, Dick Dale, Tim Weston, Albert Lee |
Guitars |
| Jean Millington-Slick, Robin Something, Eric Scott |
Bass |
| Craig Krampf, Claude Pepper, Rob Fraboni, Curley Smith |
Drums |
| Garth Hudson |
Accordion |
| Roger Nichols |
Automatic Weapons |
| Gerry Peterson, Marty Grebb |
Saxophones |
| Peter Freiberger |
Bass, C & W Slide Effects |
| u.a. |
|
| Produziert von: Rob Fraboni |
Länge: 42 Min 13 Sek |
Medium: CD |
|
 |  |
| 1. Life In The Foodchain | 6. How Come I Can't See You In The Mirror? |
| 2. The Funky Western Civilization | 7. Better Late Than Never |
| 3. Willie And The Pigman | 8. A Lover's Plea |
| 4. The Ballad Of The Night The Clocks All Quit (And The Government Failed) | 9. H-A-T-R-E-D |
| 5. American Love Affair | |
 |
Es gab einmal eine Zeit, da konnte man den LP-Tipps des Musik Express beinahe blind vertrauen. Vor allem, wenn in der Kritik etwas von "...Tonio K. ist ein mit allen Rock'n'Roll-Wassern gewaschener..." etc. blabla u.s.w. stand. Das war für den sechzehnjährigen Fred der direkte Marschbefehl in den nächsten Plattenladen, der damals noch GOVI oder "Kurtis Plattentheke" hieß und wo der Chefverkäufer schon mal zehn bis fünfzehn mögliche Kaufkandidaten bereitstellte wenn man nur grad mal seinen Hintern in den Laden bewegte. Man kannte sich ja. Die Frage "und was gibt's sonst noch mit Gitarren und Boogie und so?" hat sämtliche Unklarheiten beseitigt und dass ich die letzte QUO oder AC/DC schon längst hatte, wusste der Mann hinterm Ladentisch eh. Das einzige Problem war in diesen goldenen Zeiten eigentlich nur die Kohle. Man musste aus dem riesigen (!!) Angebot extrem selektieren.
An den Moment, als ich "Life In The Foodchain" in den Händen hielt, kann ich mich heute noch bestens erinnern. Der Typ aus dem Plattengeschäft legt bis jetzt immer noch manchmal Platten in einer Disco auf und wir haben uns damals die LP im Laden und ziemlich laut angehört und sind beide reichlich ausgeflippt.
Es war dies das Jahr 1978. Und Tonio K. war bis dato das ausgeflippteste Teil, das ich in meiner Sammlung hatte. Brettharter Rock & Roll mit schrägen bis schrägsten Texten, einer gewissen Dadaisten-Ausstrahlung, außerdem war ich sowieso grade in der Bukowski-Phase, und dazu eine dermaßene Alternative-Attitüde, dass die gestandenen Dinos wie BAD CO., ZEPPELIN oder PURPLE einfach nur alt aussahen. Gleichzeitig war es aber perfekter Rock und kein blöd-ballernder Punk oder Kaputtnik-Drogensound a la Iggy Pop. Nein, es war das was Bob Seger nicht durfte (der Kommerz...), Steve Earle nicht konnte - weil er 1978 einfach noch keine Platten aufnahm, Springsteen nie hingekriegt hat, weil er nämlich ein Weichei ist, und andere vergleichbare Künstler kannte ich nicht. Steve Krikorian/Tonio K. verknüpfte die Frische des New Wave und Punk mit ur-amerikanischer Rockmusik (die bekanntlich aus England kam, hahaha) und war - im Abstand von 25 Jahren betrachtet - sozusagen der Erfinder des "Alternative-Heartland" Rock. Und ein bekennender Linker dazu. Textlich fällt mir Ray Davies von den KINKS als Referenz ein, der war ähnlich ätzend-zynisch, nur nicht ganz so politisch. Ach ja, Warren Zevon ist auch noch aus der Ecke gewesen, nur nicht so rockig.
Ich habe die LP selbstverständlich noch immer, doch jetzt kam mir die 1995 neu aufgelegte CD in die Finger. Nicht ganz leicht zu kriegen, aber bei den links aufgeführten Links sollte man fündig werden.
Im Laufe der Jahre wurden natürlich einige Dinge klarer. Zum Beispiel klang die LP damals so genial, weil Leute wie Surf-Legende Dick Dale, Earl Slick, Albert Lee, Claude Pepper (u.a. SILVER CONDOR), Curley Smith (Ian Hunter Band, SPIRIT, JO JO GUNNE u.v.a.m.) oder die Legende Garth Hudson (THE BAND, Bob Dylan und unzählige andere) mitwirkten und auf dem Produzentenstuhl mit Rob Fraboni ein ganz großer saß (THE BAND, Joe Cocker, Bob Marley, ROLLING STONES, Bonnie Raitt und und und).
Wir lernen also: Im Jahr 1978 ließ sich traditioneller Rock noch durchaus und unproblematisch mit Avantgarde verbinden ohne dass man direkt Ausschlag bekommen musste. Wir lernen auch, dass Musik damals noch mutig war (immerhin wurde die LP von der mächtigen EPIC veröffentlicht). Da kräht einer Texte, die von Hitler handeln (und direkt in die Unwissenheit der Amis und die Wunden der Deutschen stechen - trotzdem irgendwie liebenswert naiv/witzig sind) und gleichzeitig hält einer dem Spießbürgervolk den Spiegel vor Augen, dass es eine Freude und 2004 so gültig wie 1978 ist. Der "Wutausbruch" H-A-T-R-E-D, in feinster Punk-Manier, ist das Musterbeispiel.
Tonio K. ist die Verkörperung von Tonio Kröger. Wer diesen Charakter von Thomas Mann kennt weiß, dass Steve Krikorian einer ist, der zwischen Bürgerlichkeit und Dekadenz schwankt. "Life In The Foodchain" war 1978 wahrscheinlich der größtmögliche Ausbruch aus der "Bürgerlichkeit" für Krikorian. Vor 26 Jahren hatte Rock & Roll auch noch den Ruch von Dekadenz, zumindest in gewissen Kreisen (angesichts einer "Rocklady" Jeanette Biedermann hat Rock & Roll heute wieder eine dekadente Seite). Alle seine späteren Veröffentlichungen waren mir persönlich zu "experimentell" bzw. zu stark Songwriter-Avantgarde beeinflusst. Rock & Roll spielte leider nicht mehr diese große Rolle. Trotzdem sind auch seine späteren Platten durchaus ein Ohr wert.
Wer allerdings Songs wie American Love Affair hört und nicht direkt in eine wundervolle Headbang-Hysterie verfällt, dem ist nicht zu helfen. The Funky Western Civilization ist im Arsch! Tonio K. hat das schon vor einem Vierteljahrhundert erkannt. Aber wir lieben es, im Gleichschritt zu The Ballad Of The Night The Clocks All Quit (And The Government Failed) knapp neun Minuten lang in den Untergang zu rocken.
"It's just an american love affair, just an american dream". Ich weiß nicht, was Tonio K. heute macht, ob er noch als Songschreiber für andere tätig ist oder nicht, ob seine Interessen überhaupt noch musikalischer Natur sind. "Life In The Foodchain" war 1978 ein grandioses Album und ist es bis heute.
Grundlektion für jeden Rocker!
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|