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CD-Review:
Bob DylanTogether Through Life |
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Die neue Dylan? Immer wieder Anlass zu Spekulationen, Fachsimpeleien oder Selbstbeweihräucherung von selbsternannten Dylanologen und Feuilletonisten, die es immer schon gewusst haben, dass die "neue Dylan" wieder ein Meilenstein des krächzenden Songwriters aus Duluth/Minnesota werden wird... Da Online-Magazine leider von den Majors zunehmend nur noch online bemustert werden, war es für mich (als eingeschworenen Dylan-Fan seit ungefähr 3 Jahrzehnten) natürlich keine Alternative über irgendwelche downgeloadeten Digital-Tracks meine Meinung abzugeben. Hier musste das Original her - und so stand ich am 24.4., dem Erscheinungsdatum des neuen Albums, morgens beim Elektronikmarkt und kaufte neben Fön und USB-Stick gleich noch Mr. Dylans neuestes Werk, und zwar - ich bin ja nicht blöd - gleich in der Deluxe-Edition mit nettem Aufkleber, Poster und zwei audiophilen Beigaben zur CD: eine DVD mit einem "verschollenen" Interview mit Roy Silver, dem ersten Manager Dylans, der sich noch vor Dylans großem Durchbruch von Albert Grossmann aus dem Vertrag rauskaufen lies - und einer CD, die eine absolut unterhaltsame Radioshow - hosted by Bob Dylan - enthält. Und so klingen sie auch! Seit Dylan sich unter seinem Alter-Ego Jack Frost selber produziert, hat er einige Alben vorgelegt, die mit zum Besten gehören, was er je in seiner Laufbahn auf Platte gebannt hat. Doch gerechterweise muss man sagen, dass der Einfluss von Daniel Lanois, der ihn 1989 mit "Oh Mercy" erfolgreich aus der Produzentensackgasse wieder auf den Arrangement-Highway lotste, auch auf "Together Through Life" spürbar ist. Und Dylan macht keine Experimente mehr: Seine Tourband, mit denen der ehemalige Messias des Folk-Rock wie Jesus in seinen Wanderjahren um den Globus trottet, ist inzwischen so fest mit ihm verwachsen, dass sie im Blindflug ins Studio gehen können. Für das aktuelle Album hat sich Bob Dylan dennoch zwei weitere Musiker geholt, die den Sound erheblich prägen: David Hidalgo (LOS LOBOS) und Country-Picker Mike Campbell. Der Einstiegssong Beyond Here Lies Nothin' hat jenen typischen Chicago-Sound eines B.B. King, vermischt mit der Leichtfüßigkeit einer New-Orleans-Zydeco-Kapelle. Bei Life Is Hard schmilzt seine Rabenstimme zwischen Mandolinen und sanften Gitarrenklängen wie die Eiswürfel im Tequilaglas. Bluesig-straighter beschreibt er die fiktive Heimat seiner Liebsten: My Wife's Home Town - Howlin' Wolf und Little Walter lassen grüßen, allerdings mit Akkordeon statt Harmonica-Klängen. Dylan ist zur Erscheinung seines neuen Albums - 4 Wochen vor seinem 68. Geburtstag - wieder irgendwo in der Weltgeschichte zu einem Konzert unterwegs. Wahrscheinlich ist ihm der ganze Promo-Rummel eh egal - er hat mit "Together Through Life" wieder eine wage musikalische Standortbestimmung abgegeben, lässt seine Rabenstimme krächzen wie nie, ist endlich alt genug um mit den Vorbildern seiner Jugend, den alten Blues-Veteranen mitfühlen zu können was es heißt, den Blues in seinen Knochen zu haben und immer wieder rauslassen zu müssen. Textlich hat er sich erstmals seit längerer Zeit mal wieder Hilfe geholt und die meisten Lyrics zusammen mit Robert Hunter verfasst. Auch in seinem Alter ist er noch bereit zu lernen, und gesteht uns in einem seiner neuen Songs: "I listen to Billy Joe Shaver und read James Joyce". Also nix zu spüren von Senilität oder Altersstarrsinn. Dylan saugt immer noch Neues auf, verlässt sich aber zunehmend auf die Wurzeln, die sein Leben prägen. Und er gibt diese Erfahrung gerne weiter: In der "Theme Time Radio Hour"-CD, die dem Deluxe-Package beigefügt ist, erleben wir einen Dylan, der als äußerst charmanter und gebildeter Moderator den Hörern eine Stunde lang teils obskure, teils seltene Vinyl-Schätzchen zum Thema "Friends & Neighbors" vorspielt, gespickt mit intellektuell hochwertigen Zwischenansagen - halt so ein Programm, wie es hierzulande nicht mehr zu hören ist, seit Volker Rebell und Gerd Birsner nicht mehr on air sind. "Together Through Life" zeigt Bob Dylan so, wie er sich schon Ende der Siebziger gegenüber Journalisten bezeichnete, als "Song and Dance Man". Es ist ein nettes Stück Musik, geprägt von endlosen Highways, kantiger Lebenserfahrung und einer Stimme, die mit zunehmendem Alter immer glaubwürdiger die Botschaft der alten Blueser rüberbringt, nämlich, dass Musik in erster Linie etwas mit Gefühl zu tun hat. Volker Gruch, (Artikelliste), 30.04.2009
Für die kulturhistorische Bewertung des neuen Dylan-Albums sind beileibe andere Vordenker zuständig - und die sind auch seit Tagen fleißig am Werk. Sagt der eine, dass "Together Through Life" ein unvergleichliches Meisterwerk ist, meint der andere, dass das Coverbild wohl eine bewusste Provokation und Botschaft sei (in Wahrheit ist das Bild des Fotografen Bruce Davidson aus dem Jahr 1959 nichts weiter als feine Fotokunst), wirft der nächste ein, dass Dylan im Alter die Liebe für sich entdeckt hat. Der großartige Journalist Willi Winkler rückt "Together Through Life" in der Süddeutschen Zeitung gar in die Nähe eines Weltwunders: "…'Together Through Life' ist trotz ihrer exzellenten Vorgänger das Beste, Schönste und Größte, was der Meister in den letzten dreißig Jahren seinem Publikum ausgeliefert hat", schreibt Winkler, gleichwohl er die allerorten vorab ausgespieenen Lobpreisungen gar nicht schicklich findet. Er konstatiert gar, dass Dylan nun "endlich in der Liga von Howlin' Wolf, von Muddy Waters, von Willie Dixon angekommen" sei. Aha. Aber ist das nicht unfair? Die drei waren schwarze Blueser, sind unglücklicherweise längst tot und können der Musikgeschichte so gar nichts mehr hinzufügen. Schreibt man dem großen Bob damit nicht schon etwas wie einen Nachruf, wo er doch seit zig Jahren produktiv wie ein junger Hüpfer ist? Und erst die Diskussionen in den Foren… oh weh. Am Schluss steht fast immer ein Totschlagargument wie "er wird sich schon etwas dabei gedacht haben" - ein beliebter Satz aller Dylanologen, die sich seit Menschengedenken mit dem Mysterium "Dylan und seine Message" beschäftigen. Vielleicht liest der alte Mann manche dieser Deutungen und lacht sich dabei einen Ast, man weiß es nicht, aber auch dieses Rätsel gäbe Stoff für viele Diplomarbeiten. Es ist Folk, Tex-Mex, dezenter Rock & Roll, eindrücklich und manchmal (If You Ever Go To Houston) langweilig geprägt von David Hidalgos Akkordeon, in aller Regel kunstvoll und bisweilen aufdringlich verziert von Mike Campbells Gitarre, durchgehend veredelt von Jack Frosts Produktion. Ja doch, Jack Frost ist Dylan, das wissen wir alle längst. Dabei kommen so schöne Groover wie Jolene heraus, allerdings auch nervende Endlosschleifen wie das genannte If You Ever Go To Houston. Stimmlich ist der Einzigartige vollkommen auf der, ähm, Höhe, man versteht ihn halbwegs und erfreut sich am Gekrächze, also nicht mehr oder weniger als in all den Jahren zuvor. Mal ehrlich, muss man denn in alles von Bob Dylan gottweißwelche Bedeutungen hineininterpretieren? Reicht nicht die schlichte Erkenntnis, dass "Together Through Life" ein vollkommen unspektakuläres aber hübsches Werk eines 68jährigen früheren Wegweisers populärer Musik ist? Welches Lied dieser Platte könnte so oft gecovert werden wie beispielsweise It's All Over Now..., Like A Rolling Stone, Knockin' On Heaven's Door oder All Along The Watchtower? Keines. Das zur Relevanz einer Dylan-CD im Jahr 2009. Also kommt mal wieder alle runter vom künstlich erzeugten Erregnungsgrad, der Hype um Bob Dylan und "Together Through Life" ist ein ganz und gar unnötiger Sturm im Wasserglas, der einzig zum gesteigerten Umsatz der Plattenfirma erzeugt wurde, nachdem der Vorgänger "Modern Times" in Amerika völlig überraschend #1 der Verkaufscharts avancierte. Sei es allen beteiligten Parteien gegönnt, aber lasst die Musikfans in Ruhe mit diesem Wirbel, die wollen einfach nur gute Musik hören. Die kriegen sie hier weitgehend, mehr aber auch nicht. Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 26.04.2009
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