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Saudades de Rock

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Saudades de Rock
Saudades de Rock, Frontiers Records, 2008
Gary Cherone Lead Vocals
Nuno Bettencourt Guitars, Piano, Vocals
Pat Badger Bass, Vocals
Kevin Figueiredo Drums
Produziert von: Nuno Bettencourt Länge: 67 Min 04 Sek Medium: CD
1. Star8. King Of The Ladies
2. Comfortably Dumb9. Ghost
3. Learn To Love10. Slide
4. Take Us Alive11. Interface
5. Run12. Sunrise
6. Last Hour13. Peace (Saudade)
7. Flower Man14. Americocaine (Demo 1985)

Es gibt Nachrichten, an deren Wahrheitsgehalt man durchaus zweifelt. Das ist nicht nur auf der politischen Bühne so, das gilt auch für den Musikbereich. Wie oft hat man von sog. Reunions gehört, die dann doch wieder nicht stattfanden, von Konzerten, die Hoffnung auf Größeres machten, wie z. B. der LED ZEPPELIN-Gig 2007 in London, von Samplern alter Bands, auf denen dann plötzlich ein neuer Song auftauchte, und so weiter und so fort.
So ging mir das, als ich am Jahresanfang hörte, dass angeblich EXTREME, eine meiner Lieblingsbands aus den 80er- und 90er-Jahren, wieder im Studio wären, um eine neue CD einzurocken. Das konnte nicht wahr sein. Ich suchte nach den Haken. Wahrscheinlich würde diese Scheibe ohne einen der genialsten Flitze- und Rhythmusfinger diesseits des Urals, nämlich Mitbegründer Nuno Bettencourt stattfinden. Oder irgendetwas anderes, das die Vorfreude trüben würde. In der Folge tauchten auch keine Nachrichten mehr auf. Also war das wieder nix mit dem Comeback.
Umso erfreuter war ich dann, als ein offizielles Veröffentlichungsdatum bekannt gegeben wurde. Aber auch das kann sich ja ändern, wie z. B. bei der neuen Scheibe von GUNS 'N' ROSES, aber das ist ein anderes Thema und hat bekanntlich ganz andere Gründe. Und noch mehr gingen die Mundwinkel nach oben, als da zu lesen stand, dass man sich, bis auf den Drummer, wieder im originalen Line-Up befindet.
Also am Veröffentlichungstag zum Plattendealer aufgemacht, die Euronen auf den Tisch geknallt und mit dem Scheiblein den Laden wieder verlassen. Die Erwartungen sind beim Auspacken gespannt: Kommt jetzt so etwas Grausiges wie die Grunge-Anbiederung "Waiting For The Punchline" oder der VAN HALEN-Totalausfall "Van Halen 3" mit Gary Cherone am Mikrofon?

Schon das erste Stück Star zaubert das selige Grinsen ins Gesicht. Eine fette Hommage an QUEEN. Nicht nur, dass der Satzgesang eindeutig von der Legende übernommen wurde, selbst die Gesangslinie kurz vorm Refrain und Teile der Gitarrenmelodie sind original von Tie Your Mother Down kopiert. Das macht aber nichts, weiß man doch, dass die Band um die beiden Kreativköpfe Cherone und Bettencourt schon immer heiße Verehrer der königlichen Rockband waren und sind. Und ganz ehrlich: So ein Song wie dieser gehört mindestens auf das bald erscheinenden QUEEN-Album, aber das wird wahrscheinlich nichts.
Die beiden nachfolgenden Songs Comfortably Dumb (nicht zu verwechseln mit einem ähnlichen Titel von PINK FLOYD) und Learn To Love enthalten die Trademarks, die man von dem Bostoner Quartett gewohnt ist: Nach vorne treibender Funkrock. Bisher also noch keine Ausfälle.
Mit Take Us Alive hat man astreinen Speedcountry in die CD geritzt, aber auch dafür waren EXTREME schon immer bekannt, nämlich dass sie sich nicht in eine einzige Schublade quetschen lassen. Mit Flower Man erinnert man ein bisschen an THE POLICE, mit King Of The Ladies ein wenig an Frank Zappa. Ghost und Interface sind dann die unvermeidbaren ruhigen Nummern auf der Scheibe, aber auch die haben ihre Stärken, wenn im Gesangspart teilweise wieder an QUEEN oder an die BEATLES erinnert wird. Peace (Saudades) beendet dann den offiziellen Teil des Albums mit einer ganz ruhigen Nummer. Toll gemacht.
Die anderen Stücke besitzen den typisch funkig-groovenden Stil. Und wer nicht mehr genau weiß, wie sich EXTREME früher angehört haben, bevor sie Millionen von CDs verkauft haben, dem sei der Bonustrack wärmstens ans Herz gelegt. Gary Cherone hat an seinen Stimmqualitäten nichts verloren, Nuno Bettencourt knurbelt sich immer noch Knoten in die Finger, Pat Badger am Bass ist auch eine Nummer für sich und mit Kevin Figueiredo hat man sich einen patenten Ersatz hinter die Schießbude gesetzt.

Für mich ist diese CD das Comebackalbum des Jahres, da ich damit nicht gerechnet hatte, auch wenn nicht mehr ganz so wie früher abgerockt wird. Man wird ja nicht jünger. Kaufempfehlung für alle Fans der Mannen aus den Staaten und bitte bald auf deutschen Konzertbühnen blicken lassen.

Friedemann Schmidt, (Artikelliste), 17.08.2008

Noch ein Hinweis in eigener Sache. "Saudades de Rock" erschien bereits am 01. August 2008 und wir hätten die CD gerne früher besprochen. Allerdings hat das neue Label der Band, Frontiers Records, vor einiger Zeit seine Politik geändert und bietet nur noch Besprechungsexemplare in Form von Snippet-CDs oder gar so genannte Voice-Over CDs an. Home of Rock hat zu dieser Vorgehensweise schon vor Jahren Stellung bezogen und wird auch in Zukunft nicht davon abrücken. Als unabhängiges Onlinemagazin können wir uns keinesfalls der Pauschalverdächtigung einer paranoiden Musikindustrie unterwerfen und kaufen uns gegebenenfalls interessante Veröffentlichungen, um sie je nach Lust und Laune vielleicht zu besprechen. Es ist nicht unsere Schuld, dass die meisten Releases solcher Plattenfirmen in diesem Magazin keine Erwähnung finden - und dementsprechend an einer möglicherweise interessierten Käuferschaft vorbeigehen. WIR stellen UNSERE Musik nicht illegal ins Netz, eine Suchanfrage bei Google genügt aber, um zu zeigen, dass beispielsweise "Saudades de Rock" hundertfach zum kostenlosen Download angeboten wird. Das Ergebnis: Keine Erwähnung in wichtigen Magazinen plus sowieso vorhandene Raubkopien im Netz = noch weniger verkaufte CDs.
Vielleicht denken ein paar Manager mal nach, anstatt sich den eigenen Ast immer weiter abzusägen.

Fred Schmidtlein, 19.08.2008

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