HoR Logo kl CD-Review:

Graham Parker & The Rumour

Live In San Francisco 1979

Logo Home-of-Rock
Startseite > Alle Bands von A-Z > Graham Parker > Live In San Francisco 1979

Link Homepage:
Offizielle Graham Parker Homepage
Link Kaufen:
www.amazon.com
Link Kaufen:
ItsAboutMusic.com
Link Plattenfirma:
Renaissance Records
Link Plattenfirma:
Renaissance Records @ MySpace.com
Mehr Info:
All Music Guide (englisch)

Unser Disclaimer
Live In San Francisco 1979
Live In San Francisco 1979, Renaissance Records, 2009
Graham Parker Lead Vocals & Guitar
Brinsley Schwartz Guitars
Martin Belmont Guitars
Andrew Bodnar Bass
Bob Andrews Keyboards
Steven Goulding Drums
Länge: 76 Min 14 Sek Medium: CD
1. Discovering Japan11. Love Gets You Twisted
2. Local Girls12. Clear Head
3. Thunder And Rain13. Hey Lord, Don't Ask Me Questions
4. Don't Get Excited14. Saturday Night Is Dead
5. Back To School Girls15. Nobody Hurts You
6. Passion Is No Ordinary Word16. Protection
7. Mercury Poisoning17. Soul Shoes
8. Heat Treatment18. I Want You Back
9. Stick To Me19. Pouring It All Out
10. You Can't Be Too Strong20. New York Shuffle

Die 7. Rockpalast-Nacht im Herbst 1980 war kein Highlight in der Historie des Rockpalast, jedenfalls nicht für "gestandene" Jungrocker mit dem hemmungslosen Drang zu Party und Rock & Roll, aber GRAHAM PARKER & THE RUMOUR war zum Einstieg immerhin ein halber Lichtblick. THE POLICE gingen gar nicht und Jack Bruce hatte zwar mit Clem Clempson, Billy Cobham und David Sancious eine geradezu unglaubliche Band, spielte aber leider auch einen völlig vergeistigten Set irgendwo zwischen Artistik, CREAM und Selbstfindung. Dagegen war dieses halbe Hemd aus England namens Parker wirklich erfrischend, wenn er auch gegen frühere Opener wie beispielsweise THE BLUES BAND keinen Stich machte. Damals.
Geschlagene 30 Jahre später gibt es eine Live-CD von Graham Parker, die 18 Monate vor jenem Rockpalast in San Francisco aufgenommen wurde und: man staunt über die Intensität der Band und die ihres Frontmannes. Haben wir damals einen ganz großen Entertainer unterschätzt?

Parker war seit 1975 mit THE RUMOUR zusammen, hatte im Sog von Punk und New Wave ganz falsche Stempel aufgedrückt bekommen und kämpfte auf seinen ersten Platten mehr oder minder vergeblich um die Eigenständigkeit, die er aufgrund seiner Intelligenz verdient gehabt hätte. Der Pub Rock von THE RUMOUR passte grundsätzlich für ihn und seine Songs, ließ aber seine desperaten bis ketzerischen Texte speziell für Nicht-Engländer zu oft im Hintergrund verschwinden. Joe Grushecky hatte mit seinen IRON CITY HOUSEROCKERS in Amerika ein ähnliches Problem, beide waren textfixiert, kritisch bis zynisch, gute Rockmusiker, aber keineswegs massenkompatibel (und mit einer quäkenden Stimme "gesegnet").
THE RUMOUR war eine "Begleitkapelle" um die Gitarristen Brinsley Schwartz und Martin Belmont, die beide vor der Kollaboration mit Parker schon lange Jahre Musik machten. Namen wie die nach Schwartz benannte Frühsiebziger Proto-Pub-Band BRINSLEY SCHWARTZ, später DUCKS DELUXE, Nick Lowe, Sean Tyla respektive dessen TYLA GANG, Dave Edmunds und der junge Elvis Costello tauchen in den Biographien der beiden auf, also sozusagen das komplette Sammelsurium britischer Rhythm & Blueser und Rock'n'Roller dieser Jahre (DUCKS DELUXE existieren übrigens seit zwei Jahren mit Belmont und Tyla wieder). In THE RUMOUR waren außerdem der Pianist Bob Andrews (ebenfalls Mitglied von BRINSLEY SCHWARTZ und als Gast bei DR. FEELGOOD in Erscheinung getreten) sowie die vorher nicht sonderlich auffällig gewordenen Andrew Bodnar und Steven Goulding an Bass und Schlagzeug. Wie die meisten Musiker dieser Generation und Ausrichtung (Pub Rock eben) waren Schwartz, Belmont & Co. keine Virtuosen und Soundfetischisten, es ging um den Flow, den Spaß und die möglichst authentische Darbietung einer letztendlich doch sehr amerikanischen Version des Rock & Roll. Da kam der Songwriter Graham Parker mit seiner von Dylan und Van Morrison maßgeblich beeinflussten Musik genau recht. Für den Auftritt im Rockpalast wurde übrigens Bob Andrews durch Nicky Hopkins ersetzt, Parker hatte seine STONES-Lektion also durchaus gelernt.
Angetrieben von ihrem Manager und Mitbegründer des Rockgeschichte gewordenen Labels Stiff Records Dave Robinson waren Graham Parker und seine neue Band zwischen 1976 und '80 extrem umtriebig und nahmen inklusive dem Live-Doppelalbum "Parkerilla" sechs LPs auf und tourten unermüdlich durch die ganze Welt, was für derartige Musik auch damals eher untypisch war. Während einer dieser Tourneen (28 Auftritte in England, 39 in Amerika plus diverse in Europa, Neuseeland und sonst wo auf der Welt) entstand am 9. April 1979 die nun veröffentlichte Aufnahme im Club des Old Waldorf Hotel in San Francisco. Der legendäre Impressario Bill Graham hatte dort seine Hände im Spiel, der Club war wohl auch äußerst angesagt und die Reaktionen des Publikums auf Parker verblüffend euphorisch. Parker selbst schreibt in den Linernotes, dass er aufgrund der Tourbelastung eine eher indifferente Erinnerung an den Auftritt hatte und meinte, es wäre ein Gig "at half the usual speed" gewesen, jedenfalls bis er diese Aufnahme hörte. Es handelt sich offensichtlich um eine Aufnahme für eine Radioübertragung, denn auf der (legalen!) Webseite Wolfgang's Vault ist schon lange ein dreiviertelstündiger Ausschnitt des Konzerts zu hören. Wolfgang's Vault ist übrigens eine schier unerschöpfliche Fundgrube für Konzertaufnahmen der letzten 40 Jahre.

Tatsächlich startete die Band mit den beiden Songs Discovering Japan und Local Girls vom gerade aktuellen Album "Squeezing Out Sparks" sowie Thunder And Rain von "Stick To Me" (1977) nicht unbedingt feurig. Der für heutige Verhältnisse brave Heartland Rock plätschert mehr oder weniger dahin, erst das leicht schräge Don't Get Exited (ebenfalls von "Squeezing…") kann im Jahr 2010 für Aufmerksamkeit sorgen, aber danach spielte sich THE RUMOUR mitsamt Frontmann in einen Rausch, der nur noch selten gebremst wurde. Auch die Balladen haben in der Folge Schmiss und man sieht den Schweiß förmlich von der Decke des Old Waldirf tropfen.
Purer Rock & Roll in Back To School Days, Schwartz als Ersatz-Berry und Parker als fiebriger Hechelsänger. Das war schon damals nicht innovativ, aber es ist bis heute mitreißend. White-Boy-Soul in Heat Treatment, Wave'n'Roll in Mercury Poisoning, die Band packt ein Highlight nach dem anderen aus und binnen Minuten sind der dünne Sound und die handwerklich manchmal doch leicht holprigen Darbietungen vergessen, hier zählt nur der Moment - und der hat 31 Jahre unbeschadet überstanden.
20 Songs klopften THE RUMOUR herunter, im letzten Drittel der Show kamen erwartungsgemäß die Hits, und bei denen gibt es überkauft kein Halten mehr. Mit Clear Head von "Stick To Me" wird das Tempo schon mal in für Springsteen unmögliche Dimensionen geschraubt, Don't Ask Me Questions, der Superhit ohne Hitparadenehren, heftet sich einmal mehr unauslöschlich ins Hirn und Saturday Night Is Dead ist wenigstens doppelt so scharf wie die Studioversion.
Es ist schwer zu vermitteln, aber THE RUMOUR war bei Songs wie dem Ska Protection oft besser als bei banalen Rockern. Hier paarte sich Parkers Songwriterkunst mit der Lust am Spiel, die Band musste nicht Klischees reproduzieren sondern konnte einfach drauflos jammen. Trotzdem geht der Abschluss der regulären Show hemmungslos nach vorne los. Soul Shoes ist ein Parade-R&B und trägt die Handschrift von Nick Lowe und Dave Edmunds und gibt der Band die Möglichkeit für einen lichterloh brennenden ersten Abgang. Schwartz und Belmont liefern hier Gitarrengewitter pur. I Want You Back, die erste Zugabe, zeigt Parkers Befähigung zu großen Popsongs und mit Pouring It All Out und dem legendären New York Shuffle gibt es zum Abschluss zwei glasharte Brecher.

Graham Parkers Weg durch die Achtziger und Neunziger war indifferent und zu großen Teilen fernab von der Rockmusik mit THE RUMOUR, jetzt ist er 60 Jahre alt und bekommt überall Applaus für sein Lebenswerk, aber die wahren Großtaten hat er in den schmalen fünf Jahren zwischen 1975 und 1980 vollbracht. "Live In San Francisco 1979" ist eine davon. Man sollte diesen rauen und ungeschönten Mitschnitt, falls man Fan von Liveaufnahmen ist, neben "Parkerilla" (die cleane Variante) und vielleicht der DVD aus dem Rockpalast (die nostalgische Variante) haben, denn erstens wird man die Band natürlich nie mehr leibhaftig erleben können, und zweitens boten die sechs Engländer wahrhaftig messerscharfen Pub Rock. Das gefällt nicht nur Nostalgikern.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 16.01.2010

Startseite > Alle Bands von A-Z > Graham Parker > Live In San Francisco 1979

 
© Home of Rock 2001 & ff., Impressum & Kontakt