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John Cipollina / Nick Gravenites Band

West Coast Legends Vol. 1

Rockpalast
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Rockpalast: West Coast Legends Vol.1
Rockpalast: West Coast Legends Vol.1, WDR/Fresh Fruit/SPV, 2009
John Cipollina Guitar
Nick Gravenites Lead Vocals, Guitar
Al Staehely Bass, Vocals
Marcus David Drums
Länge: 73 Min 28 Sek Medium: CD
1. Rockpalast-Caption8. Bad Luck Baby
2. Southside9. Hot Rods And Cool Women
3. Junkyard In Malibu10. I'll Pull The Trigger
4. Signs Of Life11. Keep On Running
5. My Party12. Buried Alive In The Blues
6. Small Walk-In Box13. Who Do You Love
7. Pride Of Man

Im Gegensatz zum falschen Etikett bei Commander Cody ("Blues-Rock Legends") passt diesmal der Namenszusatz: "West Coast Legends Vol. 1". John Cipollina und Nick Gravenites waren bzw. sind echte Westküsten-Klassiker. Egal ob man Gravenites' Schaffen im Umfeld von Leuten wie Paul Butterfield, Michael Bloomfield (ELECTRIC FLAG), Janis Joplin oder seine späteren Solo-Alben und die gelegentlichen Kollaborationen mit Cipollina betrachtet, der optisch stets unscheinbar wirkende Sänger und Gitarrist war seit Mitte der Sechziger eine Nummer in der Bay Area. Seine Songs wurden von vielen gespielt und er selbst hatte immer interessante Mitmusiker um sich herum, auf seinem letzten Album "Kill My Brain" (1999) gaben sich u. a. Huey Lewis und Sammy Hagar die Ehre. Inzwischen ist der freundliche Blueser 72 Jahre alt und hat sich weitgehend zurückgezogen.
Der "Rocker" bei Cipollina/Gravenites war klar der charismatische Dauersüchtling John Cipollina. Nach QUICKSILVER MESSENGER SERVICE (übrigens eine Band, über die man durchaus kritisch diskutieren kann) kam 1970 die tragisch am Business und an Drogen gescheiterte Band COPPERHEAD (nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Southern Rockern), die es leider nur zu einer einzigen, grandiosen LP (1973) gebracht hat. Der Mann mit der wunderschön lackierten Gibson SG und dem Trademark-Sound tauchte danach bei den walisischen Psychedelic-Wirrköpfen MAN auf dem Live-Album "Maximum Darkness" auf und ging dann eine längere Liaison mit Terry Dolan und dessen Band TERRY AND THE PIRATES ein. Das 1980 erschienene Album "The Doubtful Handshake" stellt bis heute ein Highlight phantastischsten Westcoast Rocks dar. Sein Langzeitprojekt RAVEN und die gleichnamige LP kamen leider nie über viel versprechende Ansätze hinaus, zu groß war die Fluktuation der Musiker und zu "abgelenkt" war Cipollina durch seinen nur mäßig gesunden Lebenswandel und die vielen Verpflichtungen bei anderen Bands.
Die Gravenites/Cipollina Band trat live auch als THUNDER & LIGHTNING in Erscheinung und veröffentlichte 1982 das schöne Album "Monkey Medicine".
In den Jahren 1980 und '82 tourte die Band durch Deutschland und bekam ausschließlich euphorische Kritiken. Da sowohl Gravenites als auch Cipollina und TERRY & THE PIRATES beim Line Records Label unter Vertrag waren, bot sich ein Auftritt im WDR-Rockpalast natürlich an, und so kam es am 28. November 1980 zu dem nun veröffentlichten Auftritt in der Kleinen Westfalenhalle in Dortmund. Es war eine Konzertreihe über fünf Tage, bei der u. a. auch George Thorogood, Charlie Daniels, UFO, THE JAM und Jorma Kaukonen auftraten.

Knapp 75 Minuten durften Gravenites, Cipollina, der feine Bassist Al Staehely (SPIRIT) und Marcus David am Schlagzeug damals auf die Bühne und - kamen anfangs nicht richtig aus den Startlöchern. Es gibt einen qualitativ sehr guten Mitschnitt eines Konzerts aus dem Jahr 1982, aufgenommen im nicht mehr existenten Club Rheinterrassen Bonn, der knapp drei Stunden dauert und die Band in absoluter Höchstform zeigt. Natürlich gibt es auch dort den einen oder anderen Wackler und schiefen Ton, aber dafür auch absolute Vollbedienung und eine Band in überragender Spiellaune. In Dortmund hingegen scheint vor allem der Zaubergitarrist John Cipollina einige Zeit von den Kameras oder vielleicht auch von der falschen Aufbauzigarette verunsichert gewesen zu sein. Man merkt, dass Cipollina eine körperlich und psychisch fragile Persönlichkeit war, sein Spiel klingt im Opener Southside beinahe verklemmt, der Song wird überwiegend von Gravenites ziemlich simpler Rhythmusgitarre getragen. In der Folge spielt sich Cipollina zunehmend frei und setzt bei Junkyard In Malibu erste Glanzlichter. Dennoch, die Leichtigkeit der Studiofassung dieses Songs ("Bluestar", 1980) wird nicht erreicht und sogar David und Staehely stolpern ein wenig durch die Nummer. Außerdem fehlt ein vernünftiger Background-Gesang.
Nach dem langen Basssolo in Small Walk-In Box wird die Performance lockerer (die Entgleisungen allerdings nicht weniger) und das Publikum lebendiger. Seinerzeit durfte man Soli gerne noch ausgiebig zelebrieren. Mit dem QUICKSILVER-Klassiker Pride Of Man platzt der Knoten endgültig, Gesang und Gitarren sind jetzt kraftvoll und bei der Sache. Möglicherweise war einfach nur die Setlist falsch aufgebaut. Die perlenden Läufe im Blues Bad Luck kommen flüssig und virtuos, Staehely gibt der Sache noch einen schön psychedelischen Anstrich. Den Rocker Hot Rods And Cool Women singt er gleich selbst und da fliegt die Band erstmals mit den richtigen Vibes und völlig losgelöst durchs Universum. Das war schon auf "Monkey Medicine" ein Bringer und ist es auch hier.
I'll Pull The Trigger groovt mit seinem "leiernden" Chorus prima dahin und Keep On Running ist eben Keep On Running. Ein Klassiker, unkaputtbar und immer ein Tänzchen wert.
Die letzten zwanzig Minuten gehören Buried Alive In The Blues und Who Do You Love. Party!

Trotz der geäußerten Kritik ist dieses Konzert ein weiteres Schätzchen aus Peter Rüchels "Giftschrank", das zu Recht gehievt wurde. Neues werden wir von John Cipollina nicht mehr hören, der bedauernswerte Gitarrenexzentriker starb bekanntlich im Mai 1989 im Alter von nur 45 Jahren, und Nick Gravenites genießt hoffentlich in Ruhe und mit ausreichend Rücklagen seinen Lebensabend. Aber der eine oder andere Livemitschnitt (s. o., Rheinterrassen) könnte vielleicht noch offiziell auf uns zukommen. Für die immer älter und kleiner werdende Fangemeinde ist dieser Rockpalast natürlich ein Muss, egal ob auf CD oder der identisch langen DVD.
Ein kleiner Rüffel geht in Richtung WDR/SPV oder wer immer für die Recherche und Schlussredaktion zuständig ist. Druckfehler und fehlerhafte Credits müssen nicht unbedingt sein. Pride Of Man ist nicht von Cipollina geschrieben, Keep On Running schreibt sich nicht … Rinning, Small Walk-In Box nicht … Walking Box und Cipollina hat nur ein p.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.07.2009


 
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