HoR Logo kl CD-Review:

Logo Manic Street Preachers

Journal For Plague Lovers

Logo Home-of-Rock
Startseite > CD-Reviews > Manic Street Preachers > Journal For Plague Lovers

Journal For Plague Lovers
Journal For Plague Lovers, Sony Music/Columbia, 2009
James Dean Bradfield Vocals, Guitar
Nicky Wire Bass
Sean Moore Drums
Produziert von: Steve Albini Länge: 45 Min 51 Sek Medium: CD
1. Peeled Apples8. Marlon J.D.
2. Jackie Collins Existential Question Time9. Doors Closingly Slowly
3. Me And Stephen Hawking10. All Is Vanity
4. This Joke Sport Severed11. Pretension/Repulsion
5. Journal For Plague Lovers12. Virginia State Epileptic Colony
6. She Bathed Herself In A Bath Of Bleach13. William's Last Words
7. Facing Page Top Left

Im Grunde sind sich die drei MANIC STREET PREACHERS treu geblieben; sie haben wieder eine CD gemacht, die garantiert nicht allen Fans gefallen wird. Das war seit der ersten LP von 1992 so, trotzdem wird sich auch "Journal For Plague Lovers" wieder glänzend verkaufen, auch wenn einige britische Einzelhandelsketten die CD wegen dem angeblich blutrünstigen Cover (ein Bild von Jean Saville, die schon früher einige Cover der Band gestaltete) nur quasi unter dem Ladentisch bzw. mit verändertem Outfit an den Kunden bringen wollen (wie es bei denen wohl in der Abteilung für Ballerspiele aussieht?). Und auch damit ist sich die Band treu geblieben, denn die zum Rock & Roll gehörende Provokation beherrschen die Waliser in mehr oder weniger subtiler Form immer noch. Konformisten waren sie noch nie, politisch auf der korrekten Seite immer, nur mit der Musik hat es nicht durchgängig geklappt, da waren unterm Strich doch einige Alben zu viel, die unter mittelmäßigem Songmaterial und fragwürdiger Produktion zu leiden hatten - und damit ist nicht die musikalische Umsetzung gemeint, die war in eigentlich jeder Phase akzeptabel bis sehr gut.
Für "Journal For Plague Lovers" haben sie nun einen Kniff angewandt, der auf den ersten Blick Bauchschmerzen verursachen könnte, es sind nämlich alle Songs mit Texten des 1995 in den Freitod gegangenen Richey James Edwards unterlegt, und darauf gehen wir nun näher ein.

Edwards war das schillerndste Mitglied der Band, die sich immer dem Arbeitermilieu näher fühlte als dem Rock-Hochadel, allerdings war er auch schwer depressiv und drogensüchtig. Als Gitarrist war er zu jeder Zeit verzichtbar, als Texter und Aushängeschild nicht, seine Journalisten- und Publikumsbeschimpfungen waren schnell "Talk of the Town", seine selbstzerstörerische Art leider auch. Vermutlich sprang er am 1. Februar 1995 von einer Brücke in Cardiff, gefunden wurde er nie, was selbstverständlich in der für solche Geschichten empfänglichen Rock-Welt zu endlosen Verschwörungstheorien und Legendenbildungen führte.
Bemerkenswert ist, dass Edwards im gleichen Alter wie Hendrix, Joplin, Alan Wilson (CANNED HEAT), THE DOORS-Frontmann Jim Morrison, NIRVANAs Kurt Cobain, Brian Jones von den STONES und etlichen anderen starb. Das 28. Lebensjahr ist für Genies, Hochbegabte, Musikhandwerker und Lebensunfähige kein gutes Jahr.
Mittlerweile ist Edwards offiziell für "vermutlich tot" erklärt worden, insofern ist der Schachzug mit seinem jetzt verwendeten Text-Nachlass, so darf man hoffen, der endgültige Abschluss aller haltlosen Mythen und Gerüchte. Abzocke darf man der Band keinesfalls unterstellen, immerhin gehen Edwards Tantiemen nach wie vor auf ein Sperrkonto (falls er doch noch auftauchen sollte), dieses Album ist nur eine Rose auf dem nicht vorhandenen Grab des armen Kerls.
Eines muss man jedoch noch unbedingt zu den Texten sagen: Verständlich sind sie für Nicht-Anglistiker kaum. Edwards war immer ein Meister des Kryptischen, J.D. Bradfields Gesang trägt vor allem in den heftigeren Songs zusätzlich wenig zur Aufklärung bei. Das Zeug muss man lesen, aber uns Musikkritikern wird dieses Privileg heutzutage nicht mehr vergönnt, wir bekommen Musik in Bits. Schade, manchmal möchte man gerne mehr zu den Inhalten sagen. Und, liebe Plattenfirmen, es gibt auch immer noch mündige und intelligente Leser, die Inhalte in Plattenkritiken sehen wollen - schließlich kostet eine CD 15 Euro, die will man nicht für heiße Luft ausgeben.

"Journal For Plague Lovers" selbst ist ein relativ kurzes und vor allem bündig-knackiges Werk. Viel Druck, schmale Produktion, eine wie immer abwechslungsreiche Kompositionsfolge. So sind die MANIC STREET PREACHERS 2009.
Für die Produktion ist Steve Albini zuständig, damit sind die meisten Fragen geklärt. Der Mann hat NIRVANAs "In Utero" gemacht. Aber bitte, "Journal For Plague Lovers" hat mit Grunge oder Alternative nichts zu tun, die Straßenprediger sind und bleiben eine Band, die ihre Einflüsse von den BEATLES, KINKS, WHO zu THE CLASH, den SEX PISTOLS und vielen folgenden Briten-Bands inklusive den frühen GUNS N' ROSES nie verleugnet hat. Warum auch, die sind allesamt achtenswert und als Plagiatoren konnte man MSP auch bei schlechtestem Willen nie bezeichnen. "Journal…" kommt halt einfach ungehobelt daher, soll es doch, wenn's Spaß macht. Manchem Hörer wird es das.
Wenn man dem Album eines vorwerfen kann, dann ist es die Kürze der Songs. Da passiert in 45 Minuten (5 davon sind Stille) zu viel, um es richtig realisieren zu können. Der Opener Peeled Apples ist auf jeden Fall ein Brecher erster Güte. Famose Bass- und Schlagzeugarbeit, brachiale Härte. Eine Schulstunde später geht das abschließende William's Last Words mit seinem wackeligen Lou-Reed-Gesang und der wunderschönen Gitarre sehr zu Herzen. Dazwischen sind all die Songs, die die MANIC STREET PREACHERS ausmachen, Fragen aufwerfen oder ganz banal zum Tanz auffordern. Man muss nicht alles verstehen, weder Jackie Collins Existential Question Time noch die Ausführungen über den genialen Physiker Stephen Hawking, aber man kann die grandiosen Melodien und die staunenswerten Feinheiten von Gitarre und Bass bewundern. Das hat schon was.
Ein paar Füller gibt es natürlich auch, aber bei im Schnitt drei Minuten Länge gehen die zwei, drei schwächeren Nummern einfach unter. Wichtiger sind Songs wie She Bathed Herself In A Bath Of Bleach mit einer klaren Punk-Aussage und direkt danach ein akustischer Song mit beinahe Vollenweider-Harfensound, anschließend etwas, das man gerne U2 zuschreiben möchte, wenn die nur einen Funken Power hätten. Ein schönes Füllhorn bieten die Herren, da gibt es keine Frage.

An einer respektablen Band wie den MANIC STREET PREACHERS mag man generell nicht herumnörgeln, an "Journal For Plague Lovers" kann man es kaum. Der etwas ältere Fan wünscht sich vielleicht ein wenig mehr Mut zum 5-Minuten-Song, aber das haben die Preachers diesmal eben nicht auf der Liste gehabt. So bleibt man sich und seinen Prinzipien treu und macht einfach tolle Rockmusik. Punktum.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 18.05.2009

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

Startseite > CD-Reviews > Manic Street Preachers > Journal For Plague Lovers

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum