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| Natural Gas, Renaissance Records/Private Stock Records, 2009 (1976) |
| Joey Molland |
Lead Guitars, Lead & Background Vocals |
| Mark Clarke |
Bass, Background Vocals |
| Peter Wood |
Keyboards, Background Vocals |
| Jerry Shirley |
Drums, Percussion, Background Vocals |
| Produziert von: Felix Pappalardi |
Länge: 47 Min 44 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Little Darlin' | 8. Miracle Mile |
| 2. Once Again, A Love Song | 9. Dark Cloud |
| 3. You Can Do It | 10. St. Louis Blues |
| 4. I've Been Waitin' | Bonus Tracks: |
| 5. I Believe It's Love | 11. Christmas Song (Rehearsal) |
| 6. The Right Time | 12. Little Darlin' (Demo) |
| 7. Christmas Song | 13. Christmas Song (Demo) |
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Es gab 1976 drei Gründe für einen jugendlichen Rockfan sich die LP "Natural Gas" von der gleichnamigen Band zuzulegen: Am Schlagzeug saß Jerry Shirley von HUMBLE PIE, als Produzent war Felix Pappalardi von MOUNTAIN genannt, außerdem war auf der Coverrückseite das am Ende dieses Textes gezeigte Foto, das einen großartigen Eindruck von Rock'n'Roll-Dynamik vermittelte. Flugs war die teure Import-LP gekauft - und nach dem ersten Hördurchgang als klassische 50% Scheibe abgelegt. 50% geilster Rock'n'Boogie, 50% fade Balladen.
Von den Namen neben Shirley und Pappalardi auf dem Cover hatte man nur vage Ideen. Wer kannte schon Joey Molland von BADFINGER, die waren doch so ähnlich wie die BEATLES, brrr, Höchststrafe für einen bartlosen Hardrocker. Aber Shirley und Pappalardi, ja, das waren echte Helden und Garanten für den fetten Sound.
33 Jahre später ist die Freude über die Wiederveröffentlichung dieses lange vergessenen und nur alle Jubeljahre aus dem Schrank geholten Albums wirklich riesengroß, denn es sind nicht nur mehr als drei Jahrzehnte vergangen, längst wurden auch THE BEATLES und BADFINGER in die persönliche Hall of Fame aufgenommen; das Leben revidiert so manche pubertäre Fehleinschätzung offensichtlich doch.
Das Leben macht aber leider auch kurzsichtig, dementsprechend braucht man die LP dann doch wieder, denn die im CD-Booklet abgedruckten Texte und Originalinfos sind nur mit Lupe lesbar (gibt's für 7,99 bei Tchibo; mit Standfuß und LED-Lampen). Auch das Frontcover konnte für die CD nicht standesgemäß reproduziert werden, was man hier sieht ist ein schwarzes Ding mit grauen Einschlüssen. Offenbar stand Joey Molland, der natürlich hinter der Wiederveröffentlichung steckt, keine bessere Druckvorlage zur Verfügung. Nun ja, das ist schade, aber letztlich marginal, denn wichtig ist die Musik. Und die erreicht, welch Wunder, im Jahr 2009 kein schlappes 50:50 Ergebnis, sondern ein klares 80:20 für den guten Geschmack.
Manche Fakten kann man erst im Abstand von vielen Jahren klar erkennen, in diesem Fall gilt, dass "Natural Gas" eine zeitlos gute Rock-LP war, die aus heutiger Sicht aber keine Chance haben konnte, denn man schrieb das Jahr 1976. Zu spät für Rock des Jahres 1972 oder '74, inzwischen war die letzte Revolution der Popmusik im Gange: Punk war angesagt - und die Industrie ließ die "kleinen" Rockacts genauso fallen wie ein gutes Jahrzehnt später wieder, als der Grunge-Hype ganzen Legionen Metalbands den Garaus machte. NATURAL GAS war ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, dem vermutlich die eigenen Unzulänglichkeiten, Molland nennt es "a general lack of organization", den endgültigen Todesstoß gaben. Trotzdem sollte man diese Rarität der Musikgeschichte besitzen, wenn schon nicht im Original, dann jetzt als Replik.
Sollten Molland die alten Masterbänder zur Verfügung gestanden haben, wurden die von den vergangenen Dekaden nicht pfleglich behandelt. Vor allem der pumpende Opener Little Darlin' leidet am "Knitterbandsyndrom" und fehlendem bzw. verschwindendem Bass, dafür gibt es ein sympathisch nach 1976 klingendes Rauschen im Kopfhörer zu genießen.
Molland war und ist ein Melodiefreak, entsprechend eingängig kommt Little Darlin' daher, speziell weil es vom agilen Keyboarder Peter Wood angetrieben wird. Dieser Peter Wood ist der wohl am wenigsten bekannte Musiker des Quartetts, leider auch das erste schon verstorbene Bandmitglied. Wood war bei QUIVER und THE SUTHERLAND BROTHERS AND QUIVER, die mit Folk-Pop und später purem Mainstreampop einigen Erfolg hatten. Außerdem war er Mitverfasser des großartigen Songs Year Of The Cat von Al Stewart, arbeitete für WISHBONE ASH, Cindy Lauper, Graham Parker, Roger Waters, Willie Nile, Lou Reed, viele andere und auch für Freddie Salem von den OUTLAWS bei dessen Album "Cat Dance" mit der Band THE WILDCATS. Einer nicht bestätigten Internetquelle zufolge beendete Wood sein Leben 1993 selbst, eine andere Quelle spricht von einem Unfall im Haushalt. Sein zurückhaltendes und gleichzeitig prägendes Spiel auf "Natural Gas" ist enorm wichtig für die Band gewesen, denn im Zusammenspiel mit der Harmonieseligkeit Mollands hätte ein schwülstigeres Keyboard schlimmen Schaden anrichten können. Wood war ein großes Talent und hat zu NATURAL GAS perfekt gepasst. Auf dem Album hat er mit dem Bassisten Mark Clarke (ein echter Wanderarbeiter, der u. a. bei Ian Hunter, Billy Squier, URIAH HEEP, COLOSSEUM und RAINBOW auftauchte) zusammen das Lied You Can Do It verfasst, welches seinerzeit als unerträglich eingestuft wurde, heute aber als passabler Popsong mit tollen Vocals durchgeht und problemlos in die Kategorie 10cc eingeordnet werden kann.
Womit wir bei Joey Molland wären. Der war 1976 mit gerade 29 Jahren schon ein Veteran, hatte eine nicht untypische Sixties-Karriere durchgemacht und war von Ende 1969 bis 1974 bei BADFINGER, der Band, die als klassischer Beatles-Klon zwar ein paar Hits hatte, aber nicht ernsthaft fürs Pop-Establishment in Frage kam. Natürlich hatte McCartney den ersten Hit geschrieben, natürlich war BADFINGER bei Apple Records unter Vertrag, natürlich tappte die Band zu oft in die Klischeefalle, aber etliche Songs dieser Briten haben bis heute Gültigkeit. Manche Historiker bezeichnen sie sogar als Erfinder des Powerpop, was allerdings Quatsch ist. Tragisch ist, dass sich mit Pete Ham und Tom Evans 1975 und 1983 zwei Gründungsmitglieder erhängten. Molland selbst hält den Namen BADFINGER bis heute aufrecht, es gab auch sporadische Veröffentlichungen, aber nennenswerte Erfolge konnte er seit langer Zeit nicht mehr erzielen. "Natural Gas" wird ihm jetzt, mit 62 Jahren, auch nicht mehr das späte Glück bringen, aber es dokumentiert einen kleinen Teil seines Lebens. Dazu gehören schwer rockende Songs wie I've Been Waitin' mit einer herrlich fragmentarisch gespielten Orgel und steiler Slidegitarre genauso wie bis heute schwer verträgliche Schleicher wie Once Again, A Love Song oder dem zusammen mit Jerry Shirley verfassten Gähn-Song I Believe It's Love.
Jerry Shirley war 1976 gerade mal 24 Jahre alt und schon seit Jahren einer der wichtigsten Schlagzeuger im Business. Steve Marriott holte in mit 17 zu HUMBLE PIE. Er war einer der Drummer, die dem Publikum auffielen, keiner der namenlos im Hintergrund sitzenden Sidemen. Er war der, der nach Bonham, Moon, Baker genannt wurde. Heute ist er Inhaber aller Rechte am Namen HUMBLE PIE. Bei NATURAL GAS war er wohl "nur" der Schlagzeuger (und womöglich Teil der Disorganisation).
NATURAL GAS war eine Band mit Hitpotential. Songs wie I've Been Waiting, hervorragende Orgel übrigens, hätten Megastars wie den EAGLES oder FLEETWOOD MAC zu weiteren Millionen verholfen, doch leider blieb NATURAL GAS ein glückloser Versuch. Vielleicht war der ständige Wechsel zwischen Ballade und Boogie schuld, vielleicht waren Rock & Roll Songs wie Miracle Mile schon 1976 nicht mehr zeitgemäß, vielleicht war eine Nummer wie Dark Cloud zu nahe an den BEATLES dran, vielleicht konnte der BEATLES-Fan mit dem funkigen Drücker St. Louis Blues nichts anfangen. Dabei gibt es eben hier einen grandiosen Abflug ins Rock'n'Roll-Universum.
Als Bonus gibt es Christmas Song als Übungsraumversion und als Demo, dabei hätte die sehr an McCartney orientierte Nummer in der Endfassung auf dem Album eigentlich genügt. Das Demo von Little Darlin' ist hingegen essentiell, denn hier wütet der Bass richtig.
Aber was sollte man gegen diese drei Bonus Tracks sagen, werden sie doch aller Wahrscheinlichkeit nach das letzte Vermächtnis dieser Band sein. Vermutlich hat Joey Molland nicht mehr Material zur Verfügung. Hier stellt also eine vermeintliche Supergroup alles zur Schau, was von ihr erhalten geblieben ist. Weinen müssen wir deswegen nicht, aber ein wunderbarer Trip zurück in unsere Jugend ist "Natural Gas" allemal. Wenn wir in fernen Zeiten tot sind, werden Musikwissenschaftler feststellen, dass NATURAL GAS eine gute Band war. Wir tun das heute schon und wünschen Joey Molland, Jerry Shirley (der übrigens heute bei Deborah Bonham, der Schwester von John Bonham, spielt) und Mark Clarke von Herzen alles Gute. Ein nennenswerter Teil der Rockgeschichte zu sein ist eine feine Lebensleistung. Da ist die Klangqualität einer solchen CD zweitrangig.
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