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Zwischenblutungzumutung

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Diesmal nicht zum Monatsanfang ein Editorial, als tagesaktuelles Onlinemagazin können wir auch zwischendurch, ach was, wir können immer; deswegen auch die schmierige Überschrift. Das Leben bietet zu viel Abwechslung, als dass wir darüber hinweggehen und nur stur unsere CDs besprechen könnten. Sonntag zum Beispiel war mal wieder Wahl in Hessen und die SPD ist bei unter 24% der wenigen abgegebenen Stimmen aufgeschlagen. Grinst da jemand? Berechtigt, denn es ist Comedy, was bei den Bembels passiert ist.

Man erinnere sich: Die SPD war einmal eine stolze Partei, die stolze Regierungschefs hatte nach denen sich bis heute Häuser, Straßen, Plätze, sogar Kniefälle nennen. Die SPD wurde vom Volk gewählt, in der festen Überzeugung, dass es richtig ist, was der Willy und der Herbert ausstreiten (warum der grummelige alte Mann namens Schmidt zur Ikone wurde, liegt angesichts von Beck und Co. auf der Hand, verdient hat er es trotzdem nicht, der NATO-Doppelbeschließer). Heute sagt eine Wahlkämpferin dieser Partei dem Stimmvieh, dass sie nie, nie, niemals mit der verhassten Partei von Lafontaine, dem Judas, und Gysi, dem Spitzel, zusammenarbeiten wird, nur um Tage nach der letzten Wahl genau mit denen koalieren zu wollen, damit ihre grenzenlose Macht- und Karrieregeilheit befriedigt wird. Der Plan ist in einer beispiellosen und monatelangen Schlammschlacht gescheitert, das Weib mit dem komischen Namen hat aufgeben müssen und einen Kerl mit komischem Namen ins Rennen für die Neuwahl geschickt. Nun soll man über komische Namen und Äußerlichkeiten bekanntlich keine Witzchen machen, wenn ein Herr Thorsten Schäfer-Gümbel allerdings über exakt 0° Charisma, Reputation und politische Anziehungskraft verfügt, ist wohl klar, dass er mit Häme bedacht wird und der Kniefall mit Schürfwunden endet.
Was für eine Farce, wenn Ypsilanti anschließend ihre Ämter niederlegt und Müntefering von einer "Denkzettel-Wahl" spricht und gleichzeitig der ehemaligen Kandidatin bescheinigt, dass sie mit ihrem Rücktritt Verantwortung übernommen hat. Was für ein jämmerlicher und zu nichts fähiger Taubenzüchterverein ist nur aus der Sozialdemokratie geworden.
Und noch einen herzlichen Glückwunsch an unsere Freunde in Hessen, die jetzt nochmals fünf Jahre mit der unsäglichen Hackfresse* Roland Koch auskommen müssen - jedenfalls wenn der nicht auch schon wieder gelogen hat und nicht doch nach Berlin wechselt (eine Flucht à la Stoiber wäre von dem allerdings leider nicht zu erwarten).
Noch ein Grinserle gefällig? twitter.com/tsghessen anklicken! Der Bonsai-Obama TSG hat sich als Blogger versucht. Eintrag vom 11. Januar, 11:53 Uhr: "Heute bildungstag. Mehr ganztagsschulen, talentförderung. 16 Uhr, Konferenz in Frankfurt." Oder vom 10. Januar: "Rede in enkheim zu zukumftsfähigkeit." Das ist großes Wahlkrampf (oder Walkampf?), liebes schäfer-gümbel, und untermauert die Forderung nach mehr Bildung. Nur leider waren die Kollegen von der Titanic mit ihrem TSG-Blog weitaus witziger, weil es nämlich echte Satire ist.
*: Hackfresse würden wir niemals zum Lügenkoch sagen, es ist nur aus dem TSG-Titanic-Blog übernommen. Der Lügenkoch auch, ätsch.

Anderes Thema, nicht weniger "witzig".
Vor 25, 30 Jahren waren kritische, naturgemäß weit links stehende Journalisten und Schriftsteller für einen jugendlichen Stoppt-Strauß-Button-Träger aus München die wichtigste Lektüre zur Selbstfindung. Bernt Engelmann, natürlich Günter Wallraff, die Schwarzbücher, all das antifaschistische Zeug, Klassenkampf und der "Wahre Sozialismus" waren prägend für den (damaligen und heutigen) Schülerzeitungsschreiber, der sich leidenschaftlich gern mit der Obrig- und Niedrigkeit der "Bananenrepublik" anlegte. Es war auch wirklich zu spannend, all die Zusammenhänge und Abgründe zu lesen. Leider hat es nichts geholfen, 1982 war plötzlich Helmut Kohl Bundeskanzler und alles ward schlimmer als jemals zuvor. Ok, von der ersten Großen Koalition um Kiesinger abgesehen, aber 1966 bis '69 war das für den späteren Aktivisten noch kein Thema.
Nach den in beinahe jeder Beziehung grauenerregenden Achtzigerjahren (entschuldigt, Mädels, ihr seid ausgenommen) entstand Mitte der 90er eine kleine Welle der Kapitalismus- und Wiedervereinigungskritik, man erinnert sich schmunzelnd an "Nieten im Nadelstreifen" von Günter Ogger aus dem Jahr 1995. Bewirkt hat auch das selbstverständlich nichts, ebenfalls nicht die geplatzte Internetblase anno 2000, der Wahnsinn galoppierte unaufhörlich voran, bis endlich im gerade vergangenen Jahr 2008 auch der allerletzte Kleinanleger von Lehman & Brüdern seinen Dummer-Gierschlund-Stempel aufgedrückt bekam. Oh, schon wieder am Thema vorbei?
Was eigentlich gesagt sein wollte ist, dass man heute, also Mitte Januar 2009, keinen Wallraff und Engelmann mehr braucht, der simple Blick in Videotext oder Tageszeitung genügt, um einen umfassenden Überblick über die völlige Inkompetenz der Entscheider in diesem Land zu bekommen. Eine feine aber nicht ganz vollständige Übersicht druckte die Süddeutsche Zeitung am 17. Januar unter der Überschrift "Ministerialrat Dr. Hektik" ab. Es geht um die haarsträubenden Fehler unserer Politiker bei Gesetzesentwürfen, die letztendlich nicht nur die beteiligten Personen als Trottel entlarven, sondern auch richtig Geld kosten. Die folgenden Zitate aus der SZ stehen kursiv.

Weil die Landesregierung in Kiel ein Gesetz schlampig formuliert hat, gehen der Staatskasse womöglich 20 Millionen Euro verloren. Hintergrund ist, dass die Trottel der CDU/SPD-Koalition vergessen haben, das ab August 2009 gebührenbefreite 3. Kindergartenjahr korrekt zu terminieren. Gesetz in Kraft - Kinder ab sofort umsonst im Kindergarten. Da freuen sich viele Eltern, völlig zu Recht übrigens, aber die zuständigen Bürokraten sollten zum Mond geschossen werden.
SPD/Grüne/Linke setzten die Abschaffung der Studiengebühr in Hessen durch, leider war irgendwo unterwegs der wichtigste Satz des Gesetzestexts verloren gegangen: der über die Abschaffung der Gebühr. Ist das nicht göttlich? Die Narren pauken ein Gesetz durch, vergessen aber den Inhalt des Gesetzes. Unfassbar. Unfassbar? "In der Hitze des Gefechts" käme derlei schon mal vor, sagen Politiker. Lacht jemand?
Der Bundespräsident hat zwei Gesetze nicht unterschrieben, weil sie für seine Juristen verfassungswidrig erschienen. Flugsicherungsgesetz und Verbraucherinformationsgesetz, nun ja, nicht sooo bedeutende Gesetze eigentlich, denkt man. Aber auch dafür wurden in Gremien, Entscheidungsfindungskommissionen, Ausschüssen und Amtsstuben so viele Arbeitsstunden investiert, dass das Ergebnis nicht mehr lachhaft sondern entsetzlich und gemeinwohlschädigend ist. Die Asozialen von heute sind die Politiker und Bürokraten!
Oder sollen wir über die Farce der diversen Nichtraucherschutzgesetze sprechen? Die lagen bekanntlich in der Verantwortung der einzelnen Bundesländer, prompt hat die eine Hälfte es geschafft, vom Bundesverfassungsgericht den Papierkram so richtig um die Ohren gehauen zu bekommen, weil die Dinger so schlecht waren, dass sie von jedem Eckkneipenwirt ausgehebelt werden konnten, derweil sich die bayerische CSU zwar justitiabel wasserdicht absicherte, nur leider von den Wählern zur Strafe so lang mit dem Kopf unter Wasser gedrückt wurde, dass ausschließlich Lurchi Seehofer überlebte und prompt zum Froschkönig gewählt wurde (Soundtrack: Only The Strong Survive). Der Nachwuchslurch Söder, Markus (Gattung 'Schleichenlurch'; Merkmale: keine Gliedmaßen, Schwanz stark reduziert, vorderes/oberes und hinteres/unteres Ende sind kaum zu unterscheiden) musste diese Woche das überarbeitete Nichtraucherschutzgesetz vorstellen - und bekam vom staubtrockenen Paragraphenreiter und dennoch allgemein geachteten Praktiker Blume-Beyerle (Münchner Kreisverwaltungsreferent) den Satz "Das Gesetz ist wieder so ungenau formuliert, dass wir dieselben Probleme bekommen werden, wie wir sie bisher schon mit den Raucherclubs hatten" spendiert. Zum Beispiel dürfen Betreiber von Einraumkneipen (welch schönes Wort) bis 75 Quadratmeter Größe selbst entscheiden ob Rauch oder nicht, Pech für den Kneipier mit 76 m2 Betriebsfläche. In Discotheken darf nur in einem separaten Raum bei Tanzverbot geraucht werden, wohingegen in Bierzelten weiterhin auf den Tischen gequarzt, gesungen und sogar gesoffen werden darf, auch von Jugendlichen. Gut geräucherte Altrocker im Musikclub müssen gnadenlos vor die Tür, und wenn es anderes als "kalte oder einfach zubereitete Speisen" in einem Lokal gibt, gilt auch Rauchverbot. So, was ist nun eine "einfach zubereitete Speise"? Man kennt Menschen, für die schon eine Bockwurst ein schier unlösbares Problem darstellt, der gemeine Japaner hingegen erachtet Sukiyaki als äußerst einfache Speise. Gyros? Döner? Pizza? Oder gar Sushi, zwar kalt, aber mitnichten einfach. Fragen über Fragen, die unsere BSE-Politik wegen Hirnerweichung nicht beantworten kann.

Der Bund der Steuerzahler bezeichnet all dies als "handwerklichen Murks", was natürlich richtig ist, aber trotzdem verniedlichend. Das Grauen ist immer und überall, dichtete die ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG vor langer Zeit, heute ist das Grauen vorwiegend in den Chefetagen zu finden, egal ob in Firmen oder Politik, man hat es allenthalben mit Nullen zu tun. Und immer noch rührt sich nichts im Volk. Kein Aufstand, keine Rebellion, höchstens leises Grummeln, Revolution ist völlig ausgeschlossen, lieber hofft man auf den Obama-Effekt. Viel Spaß.

Lieber Leser, weißt Du eigentlich, wie man all dem Blödsinn entkommen oder entgegenwirken kann? Das ist simpel. Entweder liest man den Unfug in diesem Magazin nicht, oder man ist so schmerzfrei, dass man das Geschehen um einen herum negiert und weiterhin in seine kleine private Welt flüchtet, oder man organisiert sich und geht in den Widerstand. Das wäre dann Rock & Roll!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 22.01.2009

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