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WM-Special: Spielen wir jetzt dann wieder Musik?

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Unser Disclaimer

Panem et circenses - neudeutsch: Anheuser Pissbier und miserable Fußballmillionäre - bestimmen unser Leben. Uuuh, what a party auf der Fanmeile Deutschland. Lustig isses, Sommer isses, Weltmeister wern wir, die Welt und wir selber sehn uns so locker, weltoffen und gastfreundlich wie noch nie. Geil. Was sind wir glücklich über diese einmalige Chance.
Nur ein paar Intellektuelle und chronische Miesmacher nerven rum und faseln von gefährlicher Deutschtümelei, Nationalwahn und Kommerzoverkill. Ja nun, die Jungs in unserem virtuellen Redaktionsraum gehören weder zu den Intellektuellen noch zu den Miesmachern (könnt Ihr echt glauben, das sind dermaßene Partytiere - Verstand weggesoffen und deswegen höchstens sub-intellektuell), aber das hysterische Geschrei und Fahnenwedeln allüberall geht einigen von uns doch gehörig auf den Geist. Also geben auch wir unseren Senf zum Thema ab, schließlich ist unsere Lieblingsbeschäftigung Musik vom globalen Gekicke auch schwerst in den Hintergrund gedrängt.

Zuerst mal eines. Auch ich springe vor dem Fernseher auf und ab und schrei Tor und Foul und Schiri, du Arschloch und möchte Arne Friedrich gern zum Mond schießen, Poldi Sprechverbot erteilen und Lahm knutschen. Ein Elferschießen bringt mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs und ein Sieg freut mich sakrisch.
Dass ich mir das lieber auf dem Sofa oder im Kreis von fünf Freunden und meinem persönlichen Bier antue, als in irrwitzigen Menschenmengen beim Public Viewing (kannte den Begriff eigentlich irgendwer vor 4 Wochen schon?), ist mein persönliches Problem. Jeder wie er will. Dass ich wohl niemals schwarz-rot-goldene Streifen im Gesicht oder auf dem Kopf haben werde: dito. Dass Adidas mich nicht zu den 3 Millionen Trikotkäufern zählen kann... sorry, ich find die Dinger hässlich und viel zu teuer. Dass mir aber plötzlich von der Kanzlerin bis zum hinterletzten Fernsehmoderator jeder einreden will, dass ich in den vergangenen 4 Jahrzehnten als missmutiger, dumpf-chauvinistischer Muffelgermane durchs Leben gelaufen bin, immer auf der Jagd nach einem zu dissenden Ausländer oder wenigstens einem Polenwitz, Leute, das ist echt zu viel. Hey! Warum knallt diesen Laffen für so eine Frechheit keiner eine? Oder bin ich der einzige, der auch früher schon Spaß hatte und mit Freunden aus aller Welt und sogar aus dem Ruhrpott gefeiert hat?

"So wollen wir Deutschland sehen" sagen Kerner-Beckmann-Merkel-Köhler (in der Reihenfolge ihrer Medienpräsenz). So? Ja, das kann ich mir vorstellen, als oller Miesmacher der ich bin, schließlich wollen uns die einen ihre Werbebotschaft und die anderen ihre Politik verkaufen - und dumme Schweine gehen leichter ins Schlachthaus.
Aber ich will Deutschland nicht so sehen. Ich will keine entrechtete, gruppendynamisch gezwungene, eventgeile Menschenmasse in seltsamen Verkleidungen stakkatoartig und bedrohlich "Sieg" brüllen hören. Ich zucke zusammen und befürchte das zweite Wort - und ich weiß, so mancher formt es wenigstens in seiner kleinen Gedankenwelt und grinst dabei hämisch. Endlich kann man wieder Flagge zeigen und national sein, ohne sofort von den linken Zecken mit Eiern beworfen zu werden.
Aber gemach, das sind nur wenige, und wer die Millionen auf den Straßen in eine braune Ecke drängen will, liegt natürlich komplett falsch. Genau wie die plötzlich auftretende Fahnen-Pandemie nur insofern bedenklich ist, dass man sich durchaus Gedanken machen sollte, ob denn das französische, japanische oder italienische Auto wirklich mit dem schwarz-rot-goldenen, hm, Schmuck einverstanden ist. Wird da nicht auf motorisierten Gefühlen herumgetrampelt? Egal, Hauptsache ist doch, dass eine deutsche Wimpelfabrik aus dem strukturschwachen Osten das große Geschäft macht und 27 Arbeitsplätze sichert. Fördert den Mittelstand, ihr von Massenentlassungen bedrohte Bürger!
Nein, ich habe keine Angst vor einer baldigen Machtübernahme durch die DVU und NPD. Die da jetzt inbrünstig die Nationalhymne und lustig "Ihr seid doch nur Möbellieferanten" zur Melodie von Yellow Submarine singen, wollen nur spielen. Genau wie die Australier, Italiener, Mexikaner, Japaner und und und, die ihr Urlaubsgeld bei uns ausgeben und ihre nationalen Farben durch die Gegend tragen. Ist schon okay, bunt sowieso und vielleicht hatte der Ghanaer recht, als er mich fragte, warum ich keine Fahne hätte, immerhin trägt sogar des Kaisers neue Frau entsprechend gefärbte Fuchsschwänze im Ohr. Ich mag das halt nicht so, werd aber beim nächsten Spiel bestimmt wieder schreien und schimpfen und hoffentlich jubeln.
Eine Angst gibt es aber. Dass nämlich machtgeile Populisten dieses Die-Welt-zu-Gast-bei-Freunden-Fest ausnützen und mit ihrem wirren Patriotismusgeschrei tatsächlich ein neues Deutschland(wunsch)bild in den Köpfen der dümmsten Deutschen manifestieren und sie so zu noch willfährigeren Erfüllungsgehilfen machen. Wir brauchen beileibe nicht mehr Nationalstolz, wir brauchen selbstbewusste Bürger, die den Machthabern endlich auf die Finger klopfen und wir brauchen Politiker mit sozialem Verantwortungsbewusstsein, die die global agierenden Konzerne zwingen, aus diesem Land kein depressives Armen-Altenheim zu machen. In Wirklichkeit haben wir aber Politiker, die während dem nationalen WM-Taumel mal schnell eine mörderische Mehrwertsteuererhöhung, eine lachhafte Föderalismusreform und eine skandalöse Gesundheitsreform verabschieden. Abends hampelt Angie dann peinlich durchs Stadion und sieht aus wie ein Jubelschunkler im Musikantenstadel. Und damit zum Fußball.

In diesem Moment ist das Viertelfinale vorbei und es ist großteils ein schauriges Getrete gewesen. Wie fast immer, sind die spaßverbreitenden Mannschaften frühzeitig ausgeschieden - wie geil war das damals, als die Dänen für Jugoslawien nachnominiert wurden und mit Gaudifußball begeisterten und gewannen - und wo es für den Favoritensieg nicht reichte, hat der Unparteiische (ein echter Schenkelklopfer, dieses Wort; siehe auch "Schiedsrichterbestechung in Italien") entsprechend nachgeholfen. Abseits? Tor? Rote Karte? You can't always get what you want, außer du bist mächtig genug und aus einem Land mit zahlungskräftigen Sponsoren und Fernsehsendern.
Spätestens nach dem Achtelfinale muss Schluss sein mit der Folklore der Außenseiter. Dann müssen die wichtigen Fußballländer vertreten sein, egal wie erbärmlich und desinteressiert sie bolzen. Englischer Gruselfußball, brasilianische Stehtischrumba, italienischer Minimalismus, sie alle bekommen noch eine Chance und anschließend am besten noch eine.
Irgendwann sind nur noch vier Teams übrig und die sind, Wunder oh Wunder, immerhin befreit von England und Brasilien. Das war einfach zu öde. Man tritt seinem Gegner nicht in die Eier, Herr Rooney, Sie bestens bezahlter Proll-Hooligan.
Von diesen letzten vier Mannschaften hat eigentlich bis auf den Verlierer der nächsten beiden Spiele schon jeder gewonnen. Image, Marktwert, Reputation und natürlich Wertigkeit im allmächtigen und mafiösen Dachverband FIFA. Dass der vor nicht mal dreißig Jahren faktisch bankrott war, interessiert heute angesichts der vielen Milliarden Umsatz aus Erpressungsgeldern wehrloser Mitgliedsländer keinen mehr. Gut für den Sport oder gar fürs Allgemeinwohl ist dieser Gangsterverein keinesfalls.

Und dann reden wir mal über die bejubelte Mannschaft aus unserem geliebten Heimatland. Nur geil gespielt haben sie, die Buben. Und der Klinsi hat alles richtig gemacht. Wow. Aber was hat er eigentlich gemacht? In Kalifornien gelebt, beratungsresistent gewesen, alte Zöpfe abgeschnitten, neue Seilschaften aufgebaut, primitivste Management- und Motivationsmethoden angewandt. That's all. Und er hat Glück (dass die anderen auch nicht besser waren) gehabt und durchaus Sachverstand bewiesen. Was ihn wesentlich von den allermeisten Unternehmensberatern, Consultants, Managern unterscheidet. Er hat einfach eine Horde fußballerisch begabter Großverdiener zum Laufen gebracht. Das kann eigentlich nicht zu viel verlangt sein, macht aber bei Gelingen unglaublich Spaß - auch mir.

Mit Musik hat dieser Aufsatz auch zu tun. Was? WM ist nur alle vier Jahre, aber alle drei Tage kommt eine geile Band mit CD oder Konzert daher. Nehmt doch mal Musik statt Fußball zum Public Viewing oder Public Hearing. Das macht irre Laune und hinterher muss kein Verlierer weinen.

P.S.: Leidet unser Nationalgefühl eigentlich, weil Jan Ullrich endlich des Dopings überführt wird? Immerhin ist der mal Sportler des Jahres gewesen und hat sogar die Fair-Play-Plakette der Deutschen Olympischen Gesellschaft für kollegiales Verhalten gegenüber Lance Armstrong erhalten. Auch ein nachgewiesener Betrüger.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.07.2006

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