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Radio ist tot!

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Normalerweise lohnt es sich nicht, sich als begeisterter Rockmusik-Fan Gedanken über die deutsche Radiolandschaft zu machen. Manchmal macht man es doch, meist aus einem mehr oder minder aktuellen Anlass.

In unsere heiligen Redaktionshallen flatterte dieser Tage ein offener Brief der Band DICHT 'N' DURCH. Ihr erinnert euch sicher: Der kleine 'David' aus der Pfalz, der wegen des Songs Viagra vom Goliath in Form des übermächtigen Tablettenherstellers aus USA eine übergebraten bekam.

Dieses Mal wenden sich DICHT 'N' DURCH an Ole Seelenmeyer vom Verband Deutscher Rock und Popmusiker (DRMV). Der DRMV hat auf seiner Homepage eine Deklaration veröffentlicht, die sich an die Ministerpräsidenten der Länder, die Landesrundfunk- und -medienanstalten, sowie die öffentlich rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten wendet und wieder einmal eine Quotenregelung für deutsche Künstler einfordert. Gäähn.

DICHT 'N' DURCH weisen nun darauf hin, dass einige Unterzeichner der Deklaration Gesellschafter der Deutschen RockRadio GmbH oder Lizenznehmer bei der Radio RocklandPfalz GmbH seien und damit als 'Radiomacher' direkt Einfluss nehmen könnten, was in der Praxis wohl aber nicht der Fall sei.

Der Drache aus dem Schwabenland kennt die entsprechenden Sender glücklicherweise oder auch leider nicht, aber das ist auch gar nicht so wichtig. Welcher Rockfan hört denn heute noch Radio? Wer braucht das noch? Radio ist tot! Zumindest was die Musik angeht.

Natürlich höre ich trotzdem Radio. Sogar nahezu täglich, allerdings nur im Auto. Nachrichten, Pollenflughinweise, Verkehrsübersicht und aktuelle Beiträge zum Tagesgeschehen. Sobald allerdings Musik kommt, folgt von mir ein Tastendruck, der Kasten kommt aus und ich verwöhne meine sensiblen Lauscherchen mit meinem eigenen Programm.

Da kann im Radio kommen was will, ich hab wenn nicht etwas ansprechenderes, so doch zumindest etwas interessanteres in der Hinterhand.

Das Problem ist schlicht und ergreifend die Musikauswahl der Sender. In den meisten Fällen wird man mit irgendwelchem akustischen Abfall aus den aktuellen Single-Charts belästigt und dafür ist mir meine Zeit schlicht und einfach zu schade.

Nun kommt natürlich das Argument, dass ich einfach die falschen Sender empfange und ein Format-Radio im Stil der amerikanischen Classic-Rock-Stationen (was hasse ich diesen Term!) Abhilfe schaffen könnte.

Nein, tut es nicht! Schaut euch doch mal um. Solche Sender gibt es ja vereinzelt auch bei uns. Zum Beispiel, wie mir die pfälzer Redaktionskollegen bestätigen, das besagte Radio Rockland oder mit gewissen Abstrichen SWR1, der Sender, der für meine Ohren das kleinste Übel in meinem Sendebereich darstellt und in Punkto Informationsgehalt wenig Anlass zur Kritik bietet.

Doch wie sieht die Programmgestaltung bei diesen Stationen aus? Die Sender, oder soll ich besser sagen der verantwortliche Musikredakteur pickt sich eine mehr oder minder große Anzahl Songs heraus, natürlich nur die größten Hits der bekanntesten relevanten Interpreten (am Rande bemerkt, dürfte meine persönliche schwarze Liste komplett enthalten sein) und die werden dann endgültig zu Tode gedudelt.

Auf den ersten Blick spricht ja nichts gegen Sweet home Alabama, All right now, You've ain't seen nothing jet, The final countdown oder Waiting for the hurricane. Nur, wenn diese Songs jedes Mal laufen, wenn man sich in die Sendungen einklinkt, dann nervt das auch irgendwann, zumal es ja nicht so ist, dass es von den berücksichtigten Künstlern immer nur diesen einen Song gibt.

Nein, was wir brauchen sind weder Qutenregelungen für deutsche Künstler, noch irgendwelche Sparten- oder Oldiesender. Was wir brauchen ist ein völlig neues Rundfunkkonzept hinsichtlich der Musikauswahl.

Leider wird ein Aspekt in den verantwortlichen Musikredaktionen mittlerweile völlig vernachlässigt. Es fehlt eine Art 'Sendungsbewussein' seinen Hörern Neues und weniger Bekanntes zu bieten. Es fehlt das Interesse und der Wille sein Publikum dazu zu inspirieren den bestehenden Horizont zu erweitern. Natürlich ist es bedeutend einfacher, wenn man sich die aktuellen Charts oder die 8 CD-Box " Die Hits der Siebziger, Achtziger und Neunziger" vornimmt und dem Herrn Zufall die Auswahl überlässt. Das Ergebnis ist dann allerdings der derzeit vorherrschende und für den interessierten Musikhörer uninteressante Einheitsbrei.

Mal ehrlich: Wenn ich neunundneuzig von hundert Songs die laufen in- und auswendig kenne, dann ist das Programm schlicht und ergreifend totlangweilig. Muss man im Radio auch noch die Songs hören, die man ohnehin zu Hause in der Sammlung stehen und mit einem Griff zur Hand hat, wenn einem danach ist? Eigentlich nicht, oder?

Viel wichtiger wäre es doch, dass man im Radio Anregungen bekommt, was einem in der Sammlung unbedingt noch fehlt.

In letzter Konsequenz heißt das bis zu einem gewissen Grad Abkehr vom Prinzip sich auf Hits und Singleauskoppelungen bei der Musikauswahl zu beschränken. Das heißt auch, die Entwicklung neuer Sendungsformate um unbekanntere Songs und Künstler dem Hörer näher zu bringen.

Natürlich hat der eine oder andere Sender solche Features wie 'Album der Woche' wo täglich zu einer bestimmten Uhzeit eine Woche lang ein Albumtrack einer neuen Scheibe gesendet wird. An sich nicht schlecht, doch wenn die Künstlerauswahl dann auf Grönemeyer, Clapton und Jennifer Lopez hinausläuft, dann kann man das auch bleiben lassen. Warum nicht PROTO-KAW, Bob Weir oder FEINSTEIN (um willkürlich drei Künstler zu nennen, die in jüngster Zeit im Home of Rock verewigt wurden).

Und wieder mag als Gegenargument kommen, dass die breite Masse der derzeitigen Hörer gar nicht diesen Anspruch hat, Radio eben als reine leichte Unterhaltung auffasst und sich mit bekannten Melodien berieseln lassen will.

Das ist natürlich das Totschlagargument schlechthin. Jeder Sender hat am Ende das Publikum, das er verdient. Natürlich wollen die Leute ihre Hits hören, doch Hits werden erst vom Radio zu solchen gemacht und da beißt sich die Katze dann in den Schwanz. Wenn man seinem Publikum nur PUR, BON JOVI und Phil Collins vordudelt, dann kommen die gar nicht auf die Idee Lotto King Karl, JADED HEART oder Fish hören zu wollen.

Was wir brauchen um Radio für interessierte Musikhörer, sprich Leute, deren Plattensammlung mehr als die üblichen zwanzig verdächtigen Alben und Interpreten umfasst, attraktiv zu machen, sind aufgeschlossene, mutige Musikredakteure und Sendungen, die aus dem derzeit gängigen Schema F ausbrechen. Alleine eine Stunde am Tag, in dem ein Sender sich ausschließlich mit Neuerscheinungen aus dem breiten Feld der Rockmusik befasst, und eine weitere Stunde, in der man qualitativ hochwertige Musik präsentiert bekommt, die nicht den Charts vertreten ist, würde wahre Wunder wirken.

Dann wären auch so langweilige Forderungen nach Quotenregelungen für deutsche Künstler überflüssig, denn die deutsche Rockszene war noch nie so vielseitig auf einem hohen Qualitätslevel wie heute und würde zwangsläufig ihren Platz im Programm erobern.

Doch das wird ein frommer Wunschtraum bleiben. Die Radiosender werden weiter ihre Lemmingherde anspruchsloser Konsumenten hegen und pflegen, für die ihre Radiowelt in Ordnung ist, so lange sie ihre SÖHNE MANNHEIMS, Cher und QUEEN bekommen. Im Grunde haben wir hier genau die gleiche Problematik, wie bei den großen Plattenfirmen. Eine durchaus ernst zu nehmenden Zielgruppe wird zu Gunsten der pflegeleichten breiten Masse schlicht und ergreifend ignoriert. Da bleibt in letzter Konsequenz nur eins: Abschalten!

Martin Schneider , (Impressum, Artikelliste), 16.06.2004

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