HoR Logo kl

Artikel

Hey Mann!
Aufwachen!!

Ein Lamento

Logo Home-of-Rock
Startseite > Editorial > Ein Lamento

Was ist eigentlich passiert?
Wir erleben im Moment ein Revival der handgemachten, ehrlichen Musik. Mancher hat nicht mehr daran geglaubt, aber nach dem Zlatko-Overkill, grausamen TV-Casting-Retorten"bands" und einem mittlerweile wirklich dramatischen Umsatzrückgang in der Musikindustrie, ist plötzlich wieder an jeder Ecke "richtige" Musik zu haben. Toll ist das. Ja, aber, wo hakt es dann?

Das Home of Rock ist jetzt seit knapp eineinhalb Jahren online. Wir marschieren stramm auf 20.000 verschiedene Leser pro Monat zu. Wir bekommen jede Woche zig Mails von Leuten, die sich freuen, dass es offenbar wieder/immer noch "echte" Rocker da draußen gibt. Im Gegenzug freuen wir uns, dass man wieder mit uns und über unsere Musik redet.
Schlaraffenland also?

Fast. Wenn man sich die aktuelle Tourneeliste im Home of Rock ansieht, sind im Moment (also Mitte Mai 2002) mehr als 70 (!!) Bands auf Tour und wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wir lassen auch mal eine Band weg, die wir nicht unterstützen wollen (auch mir fallen die Haare langsam aus, aber Glatzen kommen nicht ins HoR). Und wir reden nicht von Sauriern wie Supertramp und Konsorten, die sich in den Riesenhallen ein kleines Zubrot zur kärglichen Rente verdienen müssen.

Rock & Roll ist wieder dort angekommen, wo er herkommt. In den Clubs, den kleineren Hallen, bei Festivals, die von "Verrückten" veranstaltet werden.
Ist doch alles wunderbar?!?

Wunderbar könnte es sein. Wenn, ja, wenn.
Was braucht der Gitarrist, damit er nicht in seine Gitarre beißen muss, um satt zu werden? Geld fürs Schnitzel! Von wem kriegt er das Geld? Genau, vom Publikum. Und das Publikum muss ihm die Kohle im Club vorbei bringen. Oder beim Plattendealer abliefern, der gibt sie dann weiter.

Und jetzt sind wir beim Kern des Übels.
Them, 26.04., Gotha: 50-irgendwas Besucher.
Steve Schuffert, 59 Konzerte: Oft genug unter 50 Besucher.
The Yayhoos (Dan Baird und Co.), Frankfurt, Nürnberg, München: 50 Besucher.
Rodgau Monotones, 09.05., München: 150 Besucher (das erste Konzert nach mehr als 15 Jahren in München).
Rick Vito: regelmäßig unter 100 Zuschauer.
Ein Konzert einer ausländischen Band, die seit einigen Monaten in den deutschen Medien sehr gelobt wird, in einem Münchner Club: 2 (!!) zahlende Gäste.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Zum Vergleich: Rock am Ring/Rock im Park hatte dieses Wochenende 90.000 Besucher. Auch ein Rückgang, aber auf etwas höherem Niveau. Soll ich die Bands auflisten? Nein, tu ich nicht. Man weiß nämlich nicht, ob man weinen oder lachen soll.
Bob Dylan: Macht auch 2002 die größten Hallen Deutschlands voll.
Supertramp: Ausverkaufte Hallen überall.
Pink Floyd-Fossil Roger Waters: Sold out!

Ich sage nichts gegen Bob Dylan & seine Altersgenossen. Die haben unsere Musik groß gemacht. Aber ich frage mich, ob es noch real zu begründen ist, dass man 50 Euro und mehr für etwas bezahlt, das letztendlich seit Jahren reine Nostalgie ist. Gleichzeitig spielt im Club nebenan eine sagenhafte Kapelle für 12 Euro und dort nippen 2 Dutzend Unentwegte an ihrem Bier.

Es mag viele Begründungen geben. Ein Versuch:
- Die Zielgruppe für Rockmusik wurde ein Jahrzehnt und länger von den Medien nicht bedient. Man hat die "neuen" Bands schlicht nicht mehr wahrgenommen, wenn man sich nicht ständig mit Musik befasst hat.
- Die Zielgruppe ist mit ihren Idolen älter geworden. Dadurch auch unbeweglicher?
- Möglicherweise gibt es momentan tatsächlich zu viele Parallelangebote.
- Im Musikbusiness gibt es zu viele Menschen, die anstatt der Fanbrille immer nur $-Zeichen vor den Augen haben.
- Der Kanzler hat das Ende der Spaßgesellschaft verkündet. Logisch, über all diese Köpfe kann man seinen Humor verlieren...
- Mehr als 4 Millionen Arbeitslose haben kein Geld für ein Konzert und 3 Bier.
- Der Euro hat ALLES verteuert und bei vielen Leuten wird das Geld richtig knapp (schaut man sich allerdings die Autobahnen an, hat man nicht den Eindruck, dass Benzin teuer wie nie zuvor ist).

Vielleicht fallen Euch noch andere Gründe ein. Ich denke, die oben stehenden treffen alle in gewissem Sinne zu. Aber, da ist doch noch was anderes?!?
Meine Damen und Herren, es kann doch nicht sein, dass sich echte und wirkliche Musiker wie Dan Baird, Steve Schuffert und all die anderen, in kleinen und kleinsten Clubs abschuften, während Wracks wie Ozzy eigene Reality-Soap-Serien produzieren und im himmelblauen Schlafanzug für debile und gequirlte Scheiße ein paar Millionen nebenbei verdienen.

Es darf doch auch nicht sein, dass Clubbesitzer nicht ein einziges Plakat (noch nicht mal an ihrer eigenen Eingangstür) für ihre Acts aufhängen.
Und gleicher Clubbesitzer antwortet auf die Frage, ob er evtl. an Bands wie xxx oder yyy Interesse hätte, mit Schulterzucken und einem genuschelten "die Namen hab ich nie gehört, komm wieder zu meinen Bürozeiten". Sorge mal besser für einigermaßen ordentliche Infrastruktur in und um Deinen Club und für erträgliche Rahmenbedingungen für die Bands. Oder geh wieder Autos zusammenschrauben!

Völlig unmöglich ist gleichzeitig die Politik mancher Plattenfirmen, ihre Bands ohne jede Unterstützung auf Tour zu schicken.

Und noch eines ist unverständlich: Wir, also das Publikum, müssen unsere - mittelalterlichen - Hintern wieder dorthin bewegen, wo das Leben ist. Vor die Bühnen. Ist es wirklich schon so weit, dass man uns die Unterhaltung auf dem Silbertablett ans Bett bringen muss?
Leute, wir reden nicht über 10.000 benötigte Besucher in der riesigen Mehrzweckhalle. Wir reden von 250 Leuten, die nötig sind, um mal wieder einen geilen Abend im Club zu verbringen. Oder schaut ihr alle nur Sabine Christiansen und Gute Zeiten, Schlechte Zeiten?
O-Ton einer (zufälligen) Konzertbesucherin am Pfingstsonntag: "Gutes Konzert, aber eine CD für 16 Euro kauf ich mir von so einer unbekannten Band nicht. Wenn die mal in der Hitparade sind...".

Zur Klarstellung: Ich meine zu 99% nicht die kleinen Clubs und Menschen, draußen auf dem flachen (oder hügeligen) Land. Ich meine die bornierten, übersättigten, arroganten, abgestumpften, medienverseuchten Städter. Wenn ihr alle (Medien, Clubbetreiber, Industrievertreter, Publikum) nicht aufpasst, dann wird aus dem kleinen Pflänzchen Musik ganz schnell eine Trockenblume und ihr müsst, um Live-Musik zu hören, ins Bierzelt gehen. Oder zum nächsten Mega-Event ins Stadion, zusammen mit 25.000 Yuppies und Adabeis (auch und immer dabei seienden). Wollt ihr das?

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 21.05.2002

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:
Startseite > Editorial > Ein Lamento

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum