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Editorial:
Groß frisst Klein |
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Sie stehen wieder vor der Tür. Und sie werden sie eintreten und mit fürchterlichem Getöse über unsere Städte herfallen. Kaum ist die Bundesligasaison vorbei, beginnt das große Kohlescheffeln in den Stadien schon wieder. Diesmal allerdings keine verhätschelten Jungprofis, sondern mittelalte bis ältliche (Rock-)Musiker. Und wieder werden die Ränge gefüllt sein. So ziemlich alle Rock-Untiere der letzten 4 Jahrzehnte beglücken uns in diesem Jahr. Nur um ein paar zu nennen: Bon Jovi, Bruce Springsteen, Metallica, Rolling Stones, Santana, R.E.M., Grönemeyer, Paul McCartney und und und. Nun ist es ja nicht so, dass wir nicht wüssten, dass ein Großteil unserer Leserschaft haargenau auch das Zielpublikum all dieser Bands ist. Schließlich sind viele unserer Leser mit diesen Namen aufgewachsen und zweifellos hat jeder Bon-Carlos-Springmeyer sein Plätzchen in der Rock'n'Roll Historie sicher und verdient. Immer noch kein Anlass zur Sorge (genau so wenig wie, dass Neil Young seine akustische Solotour vorzugsweise in Philharmonien und Opernsälen veranstaltet - vielleicht hat er die großen Sporthallen einfach satt). Was wird noch passieren? Familienväter werden ihre Kinder nötigen, sich gemeinsam die Rolling Stones anzuschauen (inklusive Geschichtsunterricht - "wegen dem hat mich Mama 1966 beinahe verlassen und ich bin dann doch zu VW in Schichtarbeit gegangen"), der Boss wird wieder eine Menge 300 Dollar Karohemden durchschwitzen, beglückte Sekretärinnen werden hingerissen sein von Jon Bon Jovi's Frisur, würdevoll gealterte Hippies werden in Carlos Santana die Wiederkehr des Jingo-Gottes erkennen, Mutti wird aus 800 Meter Entfernung konstatieren, dass Mick Jagger immer noch verdammt knackig aussieht (und sich überlegen, ob sie Heinz-Herbert nicht doch hätte verlassen sollen) und Metallica werden endgültig den Einzug in alle Herzen schaffen ("laut sind sie ja, aber eigentlich richtig nett"). Und am Ende, wenn sich alle an den riesigen Videowänden satt gesehen haben, werden leicht angeschickerte aber umweltbewusste Menschen ihren Müll brav in die blauen Säcke packen (oder auch nicht), in die S-Bahnen steigen und sich daheim aufs Sofa knallen und Sabine Christiansen gucken. Am nächsten Tag, beim Kassensturz, wird man ernüchtert feststellen, dass man insgesamt 500 Euro ärmer ist und die gekaufte Souvenirtasse schon einen Sprung hat. Und überhaupt, wie hieß eigentlich die 6. Vorband, die die gegen 16 Uhr dieses schöne Lied aus dem Radio gespielt haben? Was will ich damit sagen? Nichts weiter; es ist wirklich verblüffend, dass sich die Rolling Stones trauen, mit AC/DC ausgerechnet die größte Partyband aller Zeiten ins Vorprogramm zu holen. Das würde sonst ganz sicher niemand wagen. Wohlgemerkt, ich rede nicht davon, AC/DC 1978 für 16 Mark gesehen zu haben. Das ist lang vorbei und geht heute schlichtweg nicht mehr. Ich rede von Monsterkonzerten, von Massenaufläufen und von Rentensicherung für eh schon stinkreiche Altrocker. Es gibt noch eine Parallelwelt neben dieser künstlichen Superstarchose! Die findet direkt vor unserer Haustüre statt und heißt ROCK-CLUB! In jeder Stadt und in beinahe jedem Kaff ist so ein Club und dort schuften sich allwöchentlich Musiker ab, die nicht mal von Grand Hotels und schwarzen Limousinen träumen, sondern ihre Verstärker selbst schleppen müssen. Und die Betreiber dieser Clubs dürften bereits jetzt zähneklappernd hinter ihren Tresen sitzen und beten, dass wenigstens ein paar Alte, Kranke und Fußlahme nicht den Weg in die Arenen schaffen und ihr Bier am Freitagabend in ihrem Club trinken und den Blues-, Funk-, Soul-, Reggae- und Boogie-Bands ein wenig applaudieren. Wir reden im Home of Rock seit 2 Jahren gebetsmühlenartig immer wieder über dieses Thema, aber diesmal scheint es wirklich ernst zu werden. So viele Bands wie nie zuvor begeben sich auf die Ochsentour über die kleinen Bühnen, so schlecht wie kaum jemals vorher sind die Rahmenbedingungen und so lebensbedrohlich klein waren die Verdienstspannen für alle Beteiligten noch nie. Ein kleines Rechenbeispiel: Sagen wir einfach mal, in dieser Festivalsaison gehen 3 Millionen Menschen zu den diversen Großveranstaltungen. Bei durchschnittlich 75 Euro Eintritt (inkl. einem Souvenir) wären das 225 Millionen Umsatz. Das ist aber unwesentlich. Wichtig wäre, dass nur 1% dieser 3 Millionen Menschen in den nächsten 6 Monaten ein einziges Mal zu einem Clubkonzert geht. Das wären dann 30.000 Leute. Gehen wir davon aus, dass ein durchschnittlicher Club über 150 zahlende Gäste bei seinen Konzerten glücklich ist, dann wären 200 Clubgigs ausverkauft und 20 Bands (bei 10 Konzerten pro Tour) könnten anschließend mit dem verdienten Geld eine neue CD aufnehmen und ein ganzer Sack Clubbetreiber könnte auch im nächsten Jahr wieder Kultur in seinen Schuppen bringen. Klarstellung: Ich will niemandem abraten, zu einem der großen Festivals zu gehen! Ich will nur dieses eine Prozent aktivieren. Nicht auszudenken, wenn es dann gar 2 Prozent wären... Wir helfen gerne bei der Auswahl eines geeigneten Konzertes! Schaut doch einfach in unsere Veranstaltungstermine. Dort kann man sogar die Konzerte der nächsten 3 Tage selektieren. Oder die Konzerte seiner Stadt. Vielleicht heißt es irgendwann nicht mehr "Groß frisst Klein", sonder "Eat the rich!" Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 27.04.2003
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