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Wäre das Jahr 2008 ein Huhn, es wäre ein verrücktes. Was durften wir in den ersten 10 Monaten schon alles an Skurrilitäten bewundern: In der bevölkerungsreichsten Diktatur der Erde wurden die Spiele der erstaunlich humanoid wirkenden Züchtungen der Sport-Frankensteins unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit abgehalten, in Amerika kandidiert ein weiterer geistig nicht besonders entwickelter Republikaner - der nebenbei in den Achtzigern für einen riesigen Bankenskandal mitverantwortlich war - für das Amt des Präsidenten, als Radfahrer wird man von der Polizei als potentieller Drogendealer angehalten, Maradonna ist Argentiniens neuer Nationaltrainer, derweil sich nicht mal 20 Jahre nach dem Ende des Warschauer Pakts der siegreiche Kapitalismus als nicht lebensfähig darstellt und wir Proletarier längst nicht mehr in Cent und Euro, sondern wie selbstverständlich nur noch in Milliarden rechnen.
Ganz aktuell kommt die Meldung herein, dass ein gewisser Herr Barfuß von der FDP einen besonders innovativen Vorschlag gemacht hat: Teile der Scharia sollen erlaubt werden, so sie denn verfassungskonform sind. Herr Barfuß ist der künftige Integrationsbeauftragte der bayrischen Staatsregierung und die Scharia ist das Gesetz des Islam, also religiös geprägt. So weit so gut, wenn in diesem Gesetz nicht ein paar Dinge geregelt wären, die man durchaus als ganz und gar nicht verfassungskonform bezeichnen darf. Abkehr vom Islam: Todesstrafe. Homosexualität und sonstige Unzucht: lebenslanger Hausarrest oder wahlweise Steinigung. Alkoholgenuss: 40-80 Stockschläge. Diebstahl: rechte Hand ab. Wiederholter Diebstahl: linkes Bein ab. Vergewaltigte Frauen fallen in beispielsweise Saudi-Arabien und dem Iran übrigens unter das Kapitel "Unzucht" und werden für ihr Fehlverhalten gerne gesteinigt.
Als der gesamten Scharia keinesfalls mächtiger Ungläubiger könnte man dennoch ableiten, dass auch Teile eines derartigen Gesetzeswerks niemals in Einklang mit unserem hoffentlich ehrwürdigen Grundgesetz zu bringen sind, und es drängen sich dummdämliche Stammtischparolen wie "Nicht alles war schlecht bei den Nazis, zum Beispiel die Autobahnen" auf. Geht's noch, Herr Barfuß, oder müssen wir das Wortspiel mit Hirn und Los bemühen? Toleranz und Weltoffenheit impliziert nicht, dass man auch nur einen winzigen Teil eines Unrechtsystems anerkennen darf, auch wenn es zufällig ein sinnvoller Teil sein sollte (die Autobahnen waren es nicht). Fakt ist, dass Herr Barfuß auf Nachfrage keinen einzigen sinnvollen "Paragraphen" benennen konnte. Da hat also mal wieder eine der unsäglich schlechten Politikerkarrikaturen nur dummgeschwätzt.
Damit ist die CSU wieder Alleinherrscher in Bayern, denn solch geistiger Brechdurchfall wird verhindern, dass noch irgendjemand an eine funktionierende Koalition glaubt.
Der Normalmensch freut sich mittlerweile beinahe über die vertrauten Bilder von gewöhnlichen Naturkatastrophen und Flugzeugabstürzen, da kann man wenigstens seinen vorkonditionierten Betroffenheitsreflex ausleben.
Doch nochmals zurück zum Milliardenspiel, das schon vor vier Wochen Thema unseres damaligen Editorials war. In dieser lange zurückliegenden Zeit war noch die Rede von, haha, einigen wenigen Milliarden, inzwischen haben wir gelernt, dass das hiesige Bankensystem nur durch ein "Rettungspaket" von mehr als 500 Milliarden Euro vor dem Kollaps zu bewahren ist. Das sind 500 x 1.000 Millionen. In dieser Situation hat der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, einen bedeutenden und beinahe bewundernswerten Satz gesagt, nämlich, dass er sich schämen würde, wenn seine Bank angesichts der momentanen Krise Geld vom Staat annehmen würde. Es war dies die erste und einzige bekannte charakterlich anständige Äußerung dieses Menschen, aber er hat sich davon glücklicherweise längst distanziert, nachdem ihm von seinen Kollegen und der Politik übers Maul gefahren wurde. Inzwischen dürstet auch die Deutsche Bank nach Staatshilfe, schließlich tun es alle, und da könnte doch vielleicht noch Reibach zu machen sein. Die voreilige Ablehnung des feinen Herrn Ackermann dürfte wohl darauf beruhen, dass Vorstandsmitglieder von staatlich gestützten Banken künftig nur noch 500.000 Euro pro Jahr verdienen sollen. Ach Gottchen, nur noch eine halbe Million für völlige Inkompetenz und Komplettversagen im Kerngeschäft? Man genehmige den Managementdilettanten bitte einen Heizkostenzuschuss für ihre Monumentaleigenheime.
Es wird gelogen und betrogen in den Wirtschafts- und Politikzentren, dass sich die Balken biegen, aber die Krankenkassenbeiträge werden einheitlich auf 15,5% des Bruttolohns erhöht, damit sich die institutionellen Aasfresser noch ein wenig mehr bereichern können. Das nur am Rande, denn das nächste Rettungspaket steht bereits vor der Tür.
Die Automobilindustrie muss gerettet werden! Natürlich, denn von der Automobilindustrie hängen direkt oder indirekt 20 oder mehr Millionen Arbeitsplätze alleine in Deutschland ab, und niemand kauft mehr ein Auto, wenn er Angst ums tägliche Brot haben muss. Aber, Überraschung!, nicht die Autokäufer sollen animiert werden, nein, der Industrie soll mittels "Konjunkturprogramm" ermöglicht werden umweltfreundliche Autos zu bauen, deren Erwerb dann wiederum mit Steuererleichterung subventioniert wird. Aha, es ist also so, dass die Autoindustrie bisher schlichtweg die EU-Vorgaben bezüglich Emissionswerte etc. ignoriert hat? Die Industrie ist nicht in der Lage, wirklich umweltneutrale Fahrzeuge zu bauen? Ist sie 35 Jahre nach der ersten Ölkrise nicht fähig, ein Ressourcen schonendes Automobil zu fertigen? Wohin sind die Milliarden (staatlicher) Fördergelder für Forschungsprojekte verschwunden? Wohin sind die in Jahrzehnten angehäuften Gewinne geflossen? Bitte, die Mär von der Dividende für den Aktionär muss keiner glauben, denn wie schon bei den Banken haben sich Generationen von Betriebswirtschaftlern aus dem wirtschaftenden Betrieb schamlos bedient, allerdings leider ohne jede Rücksicht auf die Umwelt und ihre Bewohner, die leider oft die eigenen Kunden und Arbeitnehmer sind.
Meine Damen und Herren, auch hier wird der Bürger, Steuerzahler und arbeitende Mensch nach Strich und Faden veralbert, denn wenn sich die Macher einer Wirtschaft nicht selbst aus Krisensituationen helfen können, sind sie fehl am Platz. Und wenn sich eine Wirtschaftsform von selbst mittels Versagen ad absurdum führt, bleibt nur noch die Selbstauflösung. Lächerliche Forderungen nach Staatsgeldern gehören bestraft, vielleicht sogar mittels Scharia… Herr Barfuß, prüfen Sie bitte die möglichen Strafmaßnahmen.
Apropos Bereicherung. Eine der katastrophalsten Figuren der zeitgenössischen Managerwelt, Bahnchef Mehdorn, will sich und seinen Helfershelfern im Vorstand für den Börsengang der Bahn AG bis zu vier Millionen Bonifikationszahlung zuteilen. Für was? Für Verschleuderung von Staats-, also Bürgereigentum? Da ist die Nachricht, dass sich der Bahnvorstand im nächsten Jahr eine geringfügige Gehaltserhöhung von 20% genehmigt beinahe lustig. Warum aber Mehdorns Erfolgszulage (!!) von 3 auf 3,5 Mio. ansteigen soll…? Auch Verkehrsminister Tiefensee (ein Sozialdemokrat!) spielt eine gelungene Rolle im Millionenspiel. Aber er wird doch nicht etwa profitieren? Man ist wirklich versucht nach der Scharia zu rufen.
Abschließend noch ein Gedanke, der natürlich dumm und naiv ist, aber trotzdem latent. Warum eigentlich gibt es keine Milliardenhilfe für die Milchbauern, die seit Jahren mit existenzbedrohend niedrigen und immer noch weiter sinkenden Preisen für ihr Produkt abgespeist werden? Warum tolerieren unsere Kühe dieses würdelose Spiel, anstatt sich in einen bedingungslosen Euter-Streik zu begeben? Klar, da freut man sich als Verbraucher, wenn der Liter Frischmilch nur 89 Cent kostet, aber das könnte er auch unter anderen Bedingungen, nämlich wenn dem Industriekartell endlich Bescheid gestoßen würde. Vielleicht ist es immer noch nicht allen bewusst, aber auch Müller-Milch stammt von der Kuh und nicht vom ausgepressten Müller, der qua Namensgebung einen völlig anderen Beruf hat. Wie gesagt, es ist nur ein wirrer Gedanke…
PS: Ballack und Löw haben sich wieder lieb. Warum eigentlich? Wieso hat der Trainer den seit Jahren überschätzten Schnösel nicht einfach rausgeschmissen, nachdem der ihm Kompetenz und Respekt abgesprochen hat. Welchen Respekt muss man einem Millionen verdienenden Teilzeitleistungsträger zollen, damit der zufrieden ist? Beckenbauer, Netzer und Breitner haben 1974 den schwachen Bundestrainer Schön bis hin zur Weltmeisterschaft zurechtgebogen, ein Michael Ballack hat außer ein paar nationalen Meisterschaften und Pokalsiegen nichts erreicht. Schade, dass offensichtlich niemand mehr genügend Rückgrat besitzt, um solche Blender auszuschalten.
PPS: Den "Kollegen" anderer Magazine, die sich über musikfremde Einlassungen im Home of Rock lustig machen sei gesagt, dass fehlende eigene Ideen und Unfähigkeit über den musikalischen Tellerrand hinauszublicken auch meinungsbildend sind. Lesende Rockfans sind lange nicht so tumb wie mancher offensichtlich glaubt.
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