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Ralf Stierlen über:
Das Jahr 2004 |
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Gerade als das Jahr 2004 in den letzten Zügen lag, packte das Schicksal noch mal die ganz große Keule aus, so daß es etwas schwer fällt, über musikalische Dinge zu plaudern, während andere noch auf unabsehbare Zeit um ihre nackte Existenz werden kämpfen müssen. Nichtsdestotrotz will ich versuchen, das nun vergangene Jahr noch mal kurz Revue passieren zu lassen, war es doch im Rockbereich zwar nicht unbedingt spektakulär, aber durchaus nicht unerfreulich. Manche Hypes der Vorjahre wurden auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt, wie die große Retrowelle, Castingshows will inzwischen wohl niemand mehr sehen und im Business findet vielleicht nach und nach eine Umorientierung statt, die allerdings zunächst schmerzliche Konsequenzen für einige verdiente und engagierte Mitarbeiter zeitigte, aber vielleicht auf lange Sicht zu einer Gesundschrumpfung im Labelhaifischbecken mit Stärkung der Alternatives, die ohnehin nicht primär nach Megaverkaufszahlen ausgerichtet sind, führen wird. Als im weiteren Großraum von Berlin wohnender Musikliebhaber, war natürlich auch die alljährliche Branchennabelschau Popkomm, zum ersten Mal in der Hauptstadt, von gewissem Interesse, auch wenn für meinen rockmusikalischen Geschmack zumindest im offiziellen Programm wenig Erbauliches dabei war. Die bizarre Quotendiskussion sorgte dafür, daß sowohl junge Nachwuchshoffnungen wie Udo Lindenberg oder Peter Maffay als auch altgediente Metalhaudegen wie Wolfgang Thierse oder Mister Antje Vollmer wieder mal in den Medien erscheinen durften, brachte uns ansonsten aber auch nicht weiter. Scheißmusik bleibt ebensolche, egal woher sie stammt, und wird in der Regel in den weiter verbreiteten Rundfunksendern ausgestrahlt. Nun will ich endlich zu einem persönlichen Fazit kommen und zunächst die Scheiben erwähnen, die bei mir besonders häufig zum Einsatz kamen. Die erfreulichste Neuentdeckung für mich und daher an der Spitze dieses Rückblicks war "Fluxion" von THE OCEAN. Mag auch der Gesang nicht jedermanns Sache sein, so besticht diese Band doch durch eine atemberaubende Gratwanderung zwischen filigranem Zartklang und unbändiger Urgewalt, alles in tiefdunkelstem Blau, quasi meeresbodengleich eingefärbt. Ein hoffentlich nicht nur kurzfristiges Projekt wird STOCKHOLM SYNDROME bleiben - wiewohl gewissermaßen eine Supergroup, wußten offensichtlich nur wenige etwas mit dem gehaltvollen, vielschichtigen Jamrock bei "Holy Happy Hour" anzufangen. Aus deutschen Landen gab es noch die erfrischenden Jungs von BITUNE (hoffentlich bald mit richtigem Longplay-Album), die hoffnungsvollen Newcomer KLEZ.E mit ihrem Album "Leben daneben" und mit SHINE eine Band, die sich auf "Rock'n'Roll With A Little Bit Of Style" nicht scheute, die ganz großen Gefühle anzubieten. Was gab es an Konzerten im Jahre 2004? Im Gegensatz zu manch düster gestimmtem Kollegen, finde ich gar nicht so viele Gelegenheiten zur Klage. Nur selten erlebte ich ein uninspiriertes Herunterreißen des Programmes, zumeist wurde ich positiv überrascht von Spielfreude, Herzblut und Hingabe. Eine stramme Rockshow, die den harten Jungs und Mädels keine Wünsche offen ließ boten THE QUILL, GLUECIFER und MONSTER MAGNET in der Berliner Columbiahalle - während der April der Monat der Überraschungen war. Sorgten die herrlich Verrückten von ELECTRIC EEL SHOCK ausgerechnet am Karfreitag im Berliner Zapata für die Rückkehr von BLACK SABBATH in den Körpern von drei quirligen Japanern, so mußte man nach dem Auftritt der französischen Melodic Rocker von ATHENAIS im Kulturschock in Königshofen bedauern, daß diese Band sich so sehr rar macht in unseren Gefilden. Der Mai stand dann im Zeichen von Bands, die das große Rockfeeling vergangener Tage zu erzeugen wußten, wie die grandiosen Psychedlia-Tüftler von LIQUID VISIONS, gemeinsam mit den fabelhaften Schweden von SIENA ROOT im Rosi's, den unverwüstlichen RAUSCH, die mit den jungen Kiffer-Jammern von MAMASWEED den Mudd Club zum Beben brachten und den oben schon erwähnten genialen STOCKHOLM SYNDROME, die fast drei Stunden den schändlich leeren Starclub in Dresden beackerten. Mit zu den sympathischsten Musikern darf man MAGNIFIED EYE zählen: Auf Einladung der dänischen Progressive Stoner gab es im November im molligen Octopussy's auf die Ohren, während es im letzten Monat des Jahres mit BLACKFIELD im Columbia Club und HELLDORADO im Tränenpalast nochmals stimmungsvoll wurde. Ganz besondere Freude haben mir, neben den Konzerten, auch die Interviews gemacht, die mitunter allen Beteiligten großen Spaß machten. Insbesondere hervorheben möchte ich hier Braz von 4 LYN und David Becker von THORN.ELEVEN für ihre offenen An- und Einsichten, Urkke von MARYSLIM für seine lockere Art, natürlich die Jungs von ELECTRIC EEL SHOCK, VEAGAZ und THE OCEAN sowie die Band SHINE, bei denen man sich allesamt auf ein baldiges Wiedersehen freut, nicht nur wegen der großartigen Musik sondern auch und besonders wegen den Menschen hinter den Instrumenten. Was gab es noch außerhalb der Musik? Wieder mal kam ich viel zu wenig zum Lesen, habe mich aber sehr über die Werke der Herren Till Burgwächter und Tony Hawks gefreut. Na also, gab ja doch noch etwas Positives, auch wenn sich die Amerikaner nicht mal mehr mit Auszählungs-Pannen und Unregelmäßigkeiten rausreden können: Sie haben George W. Bush definitiv wiedergewählt. Da half nicht einmal die Einflußnahme von Springsteen und Young (contra Bush) oder LYNYRD SKYNYRD (pro Bush) etwas. Aber was auch immer geschieht, die Erde dreht sich weiter und das Leben schreitet voran. Ralf Stierlen, (Impressum, Artikelliste), 11.01.2005
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