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Quelle: Havard Storvestre (Oslo)
Hallo CYRA, schön, dass Du Dir Zeit genommen hast für ein paar Fragen zur Re-Release und Deinem Comeback als Solo-Artist mit neuem Album, an dem bereits kräftig gearbeitet wird...
SHELL AND THE OCEAN waren als Popgruppe Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger aktiv. Ihr hattet richtig gutes Airplay in Deutschland, durftet die BEE GEES auf ihrer Deutschlandtour supporten. Mit "Turn Blue" habt Ihr 1989 ein Album bei der EMI veröffentlicht, das richtig aufwendig produziert wurde. Wie kam es dazu, dass die Plattenfirma nun - über 20 Jahre später - ein digitales Re-Release des Albums sogar weltweit vorgenommen hat?
Nun, die Re-Release hat mich sehr überrascht, und ich kann sie mir nur damit erklären, dass die "Turn Blue" CD seit einiger Zeit z. B. auf Ebay als sog. "Rock/Pop-Klassiker" zu hohen Preisen gehandelt wird, worauf ich selbst erst letztes Jahr stieß. Ich gab diesen heißen Tipp weiter und denke, EMI hat sich die Präsenz und Bewertung dieses Albums im Internet näher angesehen und es für wert befunden, "Turn Blue" international auf allen wichtigen Webportalen (iTunes, Amazonmp3.de, Napster etc.) neu zu veröffentlichen.
Jetzt mal ehrlich: das Album ist 22 Jahre alt, gibt es überhaupt noch Leute, die sich sowas anhören? Kennt Euch noch jemand? ;-)
Ich freue mich total, dass Fans unter dem Bandnamen auf YouTube ein paar der besten Songs von "Turn Blue" veröffentlicht haben, die extrem gutes Feedback bekommen haben, quasi wie eine hochgelobte Wiederentdeckung. Offensichtlich gibt es noch eine Fan-Base, die uns als eine der erfolgreichsten deutschen Newcomer-Bands 89/90 treu unterstützt hat und die nach wie vor auf ausgefeilte Rocksongs steht. Überraschenderweise gibt es aber auch junge "Entdecker", die dieses Album mögen. Das beeindruckt mich sehr, zumal ich ein Herz für die Jugend habe.
Markenzeichen der Band war - neben m. E. wirklich eingängigen und inhaltlich starken Songs - Deine Stimme! - Ein Rockorgan mit Biss und dem Wiedererkennungswert einer crunchigen Stratocaster! - Wo hast Du Dich die letzten Jahre versteckt? Ich denke, die letzte Performance von Dir, die in Deutschland wahrgenommen wurde, war Ende der 90er als Backingsängerin einer HipHopBand im Teenie-Hexenkessel von The Dome...
Danke für das Kompliment in puncto Edel-Gitarre (lacht)! Es war mir schon immer wichtig, an meiner Stimme zu feilen und meinen musikalischen Ausdruck und die Vielseitigkeit auf internationalem Level auszubauen. So hatte ich als Rocksängerin die außergewöhnliche Gelegenheit, für den HipHop-Song Once Upon A Time des Chartbreakers DOWN LOW einen klassischen Solo-Part auf der TV-Tour (Top Of The Pops, The Dome etc.) live zu singen, eine Art Arie aus dem Western "Spiel Mir Das Lied Vom Tod". Ich wurde wie ein Mitglied der Formation behandelt, und wir landeten binnen Wochen direkt auf Platz 3 der deutschen Charts. Auch hierbei halfen mir meine klassische Gesangausbildung und die Methode (Functional Method, New York), mit der ich nach wie vor trainiere und auch anderen Sängern weiterhelfe. Ich hatte bereits vor dem Charts-Erfolg eine lebensverändernde Entscheidung getroffen und bin trotz des Angebots seitens DOWN LOW, einem Solokünstler-Vertrag mit traumhaften Bedingungen, auf dem Höhepunkt meiner Karriere für einige Jahre in die USA gegangen, um mich auf internationalem Niveau gesanglich und musikalisch mehrere Jahre lang an einem College weiter zu bilden. Viele meiner Lehrer stammten aus Nashville und New York, und so haben mich auch viele andere Musikstile beeinflusst. Du siehst, ich habe mich also nicht versteckt (lacht), sondern auch später in L.A. mit anderen Songwritern zusammen gearbeitet. Außerdem weiß kaum jemand, dass ein Teil meiner Familie norwegische Wurzeln hat, und so hat es mich in den letzten Jahren auch nach Norwegen verschlagen, wo ich u. a. durch die einzigartige Natur neu inspiriert wurde und zu meinen musikalischen Wurzeln zurückgefunden habe. Ich bin sowohl von Popmusik als auch klassischer Musik, z. B. italienische Oper und symphonische Musik, geprägt worden und sehe und erlebe beide Musikbereiche nicht als getrennt sondern als sich gegenseitig inspirierend. Deshalb habe ich in Oslo in den letzten beiden Jahren in dem Live-Projekt von Lars Berg (leitender Oboist des Opern-Orchester Oslo) als Solistin mitgearbeitet, das von der Kreation neuer Songs durch Improvisation während der Performance geprägt ist. Lange vor meiner klassischen Ausbildung (Gesang, Piano) hatte ich schon als Kind hauptsächlich durch Improvisation Zugang zur Musik und wuchs ganz natürlich mit beiden "Realms of Sound" auf. Außerdem habe ich noch ein Demo mit neuen Songs zusammen mit einem jungen norwegischen Produzenten aufgenommen, wodurch ich in Sachen Produktion viel gelernt habe und einige Songs für mein nächstes Album vorbereiten konnte.
Anlässlich der Re-Release kommt natürlich die Frage auf: Was ist aus den anderen Bandmitgliedern von SHELL AND THE OCEAN geworden. Habt Ihr noch Kontakt? Gibt es eventuell. sogar eine Reunion?
Ich habe vor kurzem nur zu Thomas (Lohr), unserem damaligen, einzigartigen Gitarristen wieder Kontakt bekommen, und zwar über Facebook. Er ist heute, glaube ich, als Produzent und Musiklehrer ziemlich beschäftigt und lebt eher zurückgezogen. Von Stefan (Lupp), dem originellen Keyboarder, fehlt bis jetzt jede Spur. Ich würde mich freuen, zu beiden wieder Kontakt zu haben, allerdings kommt eine Reunion für mich nicht in Frage. Ich gehe meine eigenen musikalischen Wege und möchte meinen Traum vom Crossover Album verwirklichen, was auch gute klassische Musikerkollegen einbezieht, die "rocken" können!
Meines Wissens war "Turn Blue" , neben der Maxi-Single A Man & A Woman, die 1991 erschien, die einzige Veröffentlichung Eurer Band? What happened? Es sollen doch noch diverse Aufnahmen irgendwo im Giftschrank der Plattenfirma schlummern, oder?
Es gibt tatsächlich noch eine Menge unveröffentlichten Materials, das ein ganzes Album füllen könnte und irgendwo in den Archiven der EMI herumliegt. Ich hätte Interesse, den ein oder anderen Song ggf. neu zu überarbeiten und zu veröffentlichen, aber es liegt bei der EMI, das Material bereitzustellen. Es ist eine lange Geschichte, warum es trotz hoher Verkaufszahlen damals zu keiner weiteren Album-Veröffentlichung kam, woran letztlich die Band leider zerbrach. Ich schaue aber lieber nach vorne und auf das Projekt, an dem ich jetzt arbeite und von dem ich glaube, dass es unzählige Menschen erreichen wird.
Nach vielen Jahren im Ausland (USA, Norwegen,...) bist Du jetzt wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Was nimmst Du für Erfahrungen mit in Dein Heimatland? - Du hast ja immerhin in der Zwischenzeit in viele Studios hinein geschnuppert und mit namhaften, internationalen Künstlern zusammengearbeitet...
Ich bin sehr dankbar, dass ich u. a. mit internationalen Künstlern wie Mark Knopfler (Soloalbum "Golden Heart", Air-Studios London), Mariah Cary (lFesthalle Frankfurt) Sarah Brightman (Alte Oper Frankfurt) sowohl live als auch im Studio zusammen arbeiten durfte, was mir viel Spaß gemacht hat. Diese doch sehr unterschiedlichen Künstler haben mich in meiner Vielseitigkeit weitergebracht und mit ihrem musikalischen "Flow" sehr bereichert. Ich konnte aber auch schon durch meine vorhergehende, jahrelange Arbeit als Studiosängerin und Gastsängerin bei CD-Projekten (z.B. einem Klassik-Pop-Oratorium von Klaus Heizmann mit dem Los Angeles Orchestra) und hunderte von Konzerten mit eigener Band (FACE 2 FACE, SHELL AND THE OCEAN) im In- und Ausland inklusive Auftritten in Radio und TV wertvolle und entscheidende Erfahrungen sammeln. Im Grunde hat sich mein Weg schon abgezeichnet, als ich mit 17 Jahren mein erstes Solo-Album in England mit vorwiegend britischen Musikern aufnehmen konnte, nachdem ich in den Jahren zuvor mit einem Jazz-und Gospel-Chor meine ersten Erfahrungen durch Konzerte und Album-Aufnahmen, z. B. mit Gastsänger/innen wie Loretta King, machen konnte. Ich kann an dieser Stelle nicht alle Projekte aufzählen, bei denen ich mitwirken durfte, sondern möchte damit sagen, dass ich die Zusammenarbeit mit anderen kreativen Künstlern äußerst schätze und es sehr wichtig finde, als professioneller Künstler in andere Kulturen und Musikstile hinein zu "schnuppern", von ihnen zu lernen und sich inspirieren zu lassen. Das gilt auch für andere künstlerische Bereiche wie Tanz und Schauspielerei, in denen ich schon als Kind aktiv war und für die ich ein Herz habe. So habe ich besonders während der Jahre in den USA andere gute Songwriter kennen gelernt und eine direkte Beziehung zu Soul, Gospel, Rock, R & B etc. mit ihren Lebenshintergründen bekommen. Außerdem verstärkte sich während meiner Zeit in Los Angeles u. a. mein Interesse an Filmmusik, und ich würde später gerne auch in diese Richtung komponieren. In Norwegen habe ich z. B. fantastische Jazzmusiker und klassische Kollegen kennen gelernt und in Orchesterproben gesessen. Alle diese reichhaltigen Erfahrungen haben mich musikalisch vorangebracht und meine Leidenschaft für die Musik noch verstärkt. Sie sind für mich wie Geschenke, die ich nach Berlin mitgebracht habe, wo sie in meine neuesten Songs einfließen, die ich mit möglichst vielen Menschen teilen will.
Du warst als Songwriterin nicht untätig und bist dabei, ein neues Solo-Album mit dem voraussichtlichen Titel "Chosen" herauszubringen. Erzähl uns was davon... Wo geht es musikalisch lang? Wovon handeln die Songs?
Ich glaube, in mir schlummerte schon lange die Idee, ein Album mit teilweise klassischen Arrangements zu machen, aber mit "cutting edge" Sound von 2012, ein untraditionelles Crossover-Projekt, aber von Seiten der Popmusik ausgehend (bridging the gap between classical and pop music). Dabei ist mein Kopf nicht nur voll mit Band-Arrangements und Orchester-Sounds, sondern ich möchte z. B. Streichinstrumente wie Cello oder Geige auf individuelle, eigenwillige Weise solistisch einsetzen, so wie es einzelnen Songs dient.
Musikalisch bewege ich mich immer noch hauptsächlich im Rock/Pop Bereich, wobei der amerikanische Einfluss bei meiner Art des Songwriting nicht zu überhören ist. Allerdings lassen sich die aktuellen Songs nicht in eine musikalische Schublade stecken, obwohl die meisten eingängige Melodien haben, aber teilweise eher ungewöhnlich arrangiert sind. Ich habe mir sowohl moderne Balladen als auch groovige Songs von der Seele geschrieben. Es ist schwer zu beschreiben, was ich nur hörbar machen kann, damit meine Musik durch die Ohren direkt in das Herz geht. Meine Songs sind inzwischen wesentlich gereifter, sowohl handwerklich als auch von den Texten her, was nicht zuletzt an meiner Lebenserfahrung liegt. Sie sind inhaltlich alle ziemlich persönlich. Ich will nicht zu viel verraten, aber da gibt es authentische Love-Songs oder auch einen Song, der von verfolgten Menschen handelt oder andere, die Lebensfreude versprühen, ermutigend sind und wieder andere, die sehr persönliche Begegnungen mit Menschen beschreiben bis hin zu Themen wie der Verlust von Menschen, die mir sehr nahe waren, wie zum Beispiel der Tod meiner besten Freundin vor ein paar Jahren. Ich lege großen Wert auf Authentizität, menschlich wie musikalisch, und bin darauf aus, möglichst viele Menschen auf diesem Globus zu erreichen. Das bedeutet aber nicht, dass man kommerzielle Songs ohne tiefe Aussage schreiben muss, um erfolgreich zu sein. Ich glaube, dass viele Menschen in dieser Zeit echte, gute und leidenschaftliche Musiker und Sänger erleben wollen, die mit ihrer Musik Herzen berühren und positive, ermutigende Aussagen rüber bringen.
Gibt es einen bestimmten Grund, dass Du solo unter dem Namen CYRA arbeitest? Hat er für Dich als Künstlerin eine besondere Bedeutung?
Ja, das war schon früher bei SHELL mein Künstlername. Ich habe ihn mir damals ausgedacht, da er gut klingt und einen internationalen Touch hat, passend zur Musik. Heute weiß ich, dass er u.a. die weibliche Form vom persischen Namen Cyrus ist und außerdem der Name eines Schutzprogramms für Delfine der amerikanischen Navy ist. Zufälligerweise sind Delfine meine Lieblingstiere, ansonsten bleibt es beim phantasievollen Künstlernamen, nicht zuletzt auch zum Schutz meines Privatlebens.
Seit 1989 hat sich im Genre Singer-Songwriter-Pop sehr viel getan und manche der Künstler, die heute erfolgreich in der Musikszene aktiv sind, waren damals noch in den Windeln. Gibt es etwas, was Du von diesen Künstlern in Bezug auf Dein eigenes Songwriting lernen kannst? - Und im Gegenzug, gibt es einen Input aus Deinen Erfahrungen im Songwriting, den Du der aktuellen Szene geben kannst?
Ich rate jedem ernsthaften Künstler und Songwriter, den eigenen musikalischen Wurzeln und dem, was man am besten kann, treu zu bleiben, je nach musikalischem Flow! Das heißt nicht, dass man in seinen Hörgewohnheiten einseitig sein muss. Meine Hörbandbreite in Sachen Musik ist extrem groß; sie geht von Klassik über Jazz, Pop, Soul, R & B bis hin zu Hardrock, solange sie gut ist. Ich höre also gerne sehr unterschiedliche Musik, schreibe aber selbst eindeutig melodiöse Pop/Rocksongs, und zwischendurch schwingen neben Bandinstrumenten auch exotische Instrumente und klassische Arrangements in meinen Kopf! Auf jeden Fall kann man handwerklich etwas von guten, erfolgreichen Songwritern lernen, aber man sollte niemals ein "Vorbild" kopieren und stattdessen seine eigenen Ideen und Stile weiterentwickeln. Es ist immer riskanter, einen eigenen Weg zu gehen, aber die eigene musikalische Kreativität ist "Key"! Das betrifft meiner Meinung nach besonders den Text und die Aussage eines eigenen Songs. Wie soll er Menschen berühren, wenn er nicht aus dem Herzen kommt?! Ein Song muss inhaltlich mit dem Leben des Songwriters zu tun haben, egal wie er musikalisch verpackt ist, sonst kaufen einem die Zuhörer das Ganze im doppelten Sinn des Wortes nicht ab. Klar gibt es "Plastik-Songs" die kurzfristig boomen, aber ernsthafte eigen-kreative Künstler oder Bands wie z. B. NICKELBACK, SWITCHFOOT oder COLDPLAY setzen sich langfristig erfolgreich durch. Das beweisen auch ganz aktuell z. B. Kolleginnen und Songwriter wie Jesse J, Adele oder Brooke Frazer. Ich habe schon als junger Teenager intensiv in amerikanische und britische Chart-Songs hineingehört, sie oft regelrecht analysiert, einfach weil mir die Musik Spaß machte. Natürlich bin ich auch in unzählige Konzerte unterschiedlichster Künstler und Bands gegangen und tue das immer noch inklusive klassische Konzerte, weil mich das oft auch in meinem kreativen Output sehr anregt. Man sollte aber auf jeden Fall seinen eigenen Stil, seine eigene "Signatur" entwickeln, und es schadet auch nicht, sich mal in ein Songwriter-Seminar zu setzen und sich mit anderen erfahreneren Songwritern aus zu tauschen. Das kann in äußerst inspirierende Workshops mit internationalen. Songwritern ausarten, wie ich es bei einem Projekt mit int. Künstlern und Songwritern beobachten durfte, bei dem z. B. palästinensische Songwriter mit jüdischen, amerikanischen und norwegischen Komponisten zusammen gearbeitet haben. Das half sogar der Völkerverständigung.
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