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| Dresden, Zschoner Mühle, 14.08.2009 |
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Ein kleines Tal am Ortseingang von Dresden, wenn du von Westen kommen solltest. Das Auto rollt den steilen Weg im Leerlauf runter in den Zschonergrund, wo die Zschonermühle steht. Drei alte Gebäude umrahmen einen stillen Innenhof mit viel Grün. Die vierte Seite begrenzt ein Hang und dort hinten, wo der Bach durchfließt, dreht sich auch das große Mühlenrad, aber es klappert nicht mehr. Ein alter Bauwagen, bunt bemalt, ist dort als Blickfang abgestellt. Davor die Musikinstrumente sind keine Dekoration, wollen bald benutzt werden. Der Platz lädt ein zum Verweilen, zum Bier trinken und, wie in diesem Fall, zum Musik hören.
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Christian Haase, der Liederschreiber und Liedersinger, der schmächtige Poet mit den langen Haaren hat sich angekündigt. Im Gepäck die Lieder von "Gundi" Gundermann und Axel Stiller aus Dresden als Begleiter.
So langsam füllt sich der Hof mit Menschen und Bratwurstgeruch. Auf den Tischen stehen Biergläser und auf den Bänken mit Blick zum Bauwagenplatz werden Kissen verteilt. Ich nehme mir, dem Zustand meines Rückens angemessen, einen Stuhl mit und postiere mich genau dort, wo ich dem Haasen vermutlich genau ins Gesicht und auf die Finger sehen kann. Noch immer diese Neugier, vielleicht ein paar Gitarrentricks abschauen zu können.
Meine erste Haase-CD "Bleiben" habe ich schon ein paar Jahre. Einst aus einem Bauchgefühl heraus gekauft, bin ich für meine Neugier reich belohnt worden. Gesehen habe ich ihn zum ersten Mal beim Gundermann-Tribute 2008 in der Berliner Columbia-Halle. Dort sang und sprang er wie ein "Gundi" barfuss über die Bühne und die blonden Strähnen wehten dabei um seinen Kopf, wie der Zopf vom Gundermann. Vor einem Jahr ebenso wie gestern Abend kam er mir vor wie einer der letzten "Kunden", DDR-Tramper, nur die DDR-Jesuslatschen und der obligatorische Beutel fehlten. Ansonsten hätte der damals auch in unsere bunte Truppe gepasst.
Natürlich konnte er, ganz im Gegensatz zu mir, Gundermann nicht wirklich kennen, und die Geschichte, die er den Anwesenden erzählt, bestätigt meine Vermutung. Als junger Künstler und Musiker mit eigenen Ideen will man nicht gleich zu Beginn seiner Laufbahn mit irgendjemandem "verwechselt" werden. Haase wollte Haase sein und nicht Gundermann. Das änderte sich, als er die Musik von "Frühstück für immer" hörte, wieder und wieder und letztlich Gundis Musik auch als die seine entdeckte.
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Lieder wie Alle oder keiner oder Halte durch sind Momentaufnahmen und doch für die Ewigkeit tauglich. Haase singt, in sich versunken und wohl wissend, dass Songs wie Schwarze Galeere und Brundhilde noch immer von den Menschen aufgesogen werden, weil sie von ihnen singen, ihren Sehnsüchten, aber auch vom Leid der Seele.
Im Hintergrund sitzt Axel Stiller, ein Liedermacher, der den befreundeten Liedersinger durch den Abend begleitet und den Haase singt, wenn der den Gundermann mal ruhen läßt oder wahlweise am Rot- oder Weißwein nippt, während er sich mit seinem Stuhl drehend, die Kabel um die Füße wickelt. Auf diese Weise singen sich beide durch das Gundermann-Repertoire und haben sichtlich Freude daran. Uns, die wir den Liedern lauschen, geht es ebenfalls so und manchmal hört man schon die ersten, die in die Strophen einsteigen und wie beim Herzblatt schon mal zaghaft Textsicherheit versuchen.
Die Zeit vergeht schnell dabei und der Abend wird kälter, jedenfalls meint das mein Rücken. Als die Flammen beginnen, den aufgestapelten Holzhaufen zu fressen und Haase nach der Pause weiter singt, wird mir wärmer. Lieder wie Keine Zeit mehr scheinen für mich geschrieben, und wenn ich im Scheine des Lagersfeuers Nach Haus höre und mitsinge, kreiseln meine Gedanken und Gefühle.
Haase beginnt das offene Ende der Lieder-Nacht, indem er nach Wünschen fragt, die er singender Weise erfüllen möchte. Aus der Dämmerung rufen Kinderstimmen nach den Wölfen und Weißen Wolken. Axel Stiller lässt die Wölfe mit Haases Unterstützung ertönen, denn seine eigenen Lieder passen auch. Für mich singt er Gras, das "immer wieder wächst" und immer wieder erinnert, weil es wächst und so viele Assoziationen erzeugt, die sich mit dem Gleichnis verbinden.
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Gestern sang Haase den Gundermann, er sang stellenweise wie "ein Haase im Rausch". Ton für Ton, Wort für Wort, Lied für Lied stiegen wir wieder ein in die Lieder des Baggerführers und Volksmund-Sängers. Im Schein des Lagerfeuers sangen wir uns gegen die aufkommende Kälte der Nacht und jeder für sich in seine eigene Nachdenklichkeit.
Es gab zwar ein Ende, aber Schluss war nicht wirklich. Für jemanden mit einem Kind auf dem Arm sang Christian Haase, in einer Menschentraube sitzend, das Lied von Linda und dann das vom Vögelchen, und sicher haben die noch eine Weile weiter gemacht, während ich im Auto sitzend, schon den Berg vor mir sah, hinter dem sich das nächtliche Dresden versteckte.
Christian Haase schrieb mir gestern in der Pause auf meine CD-Hülle "So lange es schwer geht, geht's bergauf!" Diese Worte behalte ich mir als Fazit des Abends in Erinnerung, kommentieren muss man sie nicht.
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