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| Mannheim, SAP-Arena, 22.11.2008 |
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Ende Oktober 1961 auf einem Bahnsteig in Dartford, Grafschaft Kent, England: Zwei junge Kerle warten auf den Zug nach London, der eine ist auf dem Weg zur School of Economics, der andere will zum Sidcup Art College. Nennen wir sie Mick und Keith. Mick hat eine Schallplatte von Chuck Berry unter dem Arm und wird deshalb von Keith angesprochen. Schnell stellt man fest, dass man auf einer Wellenlänge funkt und verabredet sich zum gemeinsamen Musizieren. Das Ergebnis: Die Gründung der ROLLING STONES 1962.
Schnitt. Am 5. September 1977 verlässt eine Titan-IIIE-Centaur-Rakete Cape Canaveral mit dem Ziel, die Raumsonde Voyager 1 aus dem Sonnensystem zu katapultieren. Die Voyager 1 fliegt noch immer, alle Systeme intakt, und hat auf dem Weg in den interstellaren Raum mittlerweile 15 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Damit ist sie das am weitesten von der Erde entfernte Objekt, das je von Menschen gebaut wurde. Mit an Bord: Johnny B. Goode auf zwölf Zoll.
Und schon sind wir beim Thema: Charles Edward Anderson "Chuck" Berry. Geboren am 18. Oktober 1926 in St. Louis, Missouri, USA, mittlerweile stolze 82 Jahre jung und immer noch auf Tour. Klar: Da wird ein seniler, gebrechlicher, alter Mann für ein Stündchen auf die Bühne gescheucht, damit die Plattenfirma und die Erben in spe noch ein Paar Dollars abgreifen können. Eine Schande ist das, eine unwürdige Schande.
Am Arsch die Räuber! Der Mann rockt als wäre er noch keine vierzig. Mit Kapitänsmütze und Glitzerhemd entführt er uns in eine Zeit, in der die meisten von uns noch nicht einmal geboren waren: Das Ende alles Alten, die Geburt des Rock'n Roll. Mach Dich vom Acker, Beethoven (und sag auch Tschaikowski Bescheid).
Und ich meine nicht nur Heckfossen-Cadillacs, Petticoats und Schmalzlocken: Ich meine eine Zeit, in der man nicht gigabyteweise Musikdateien mit sich herumgeschleppt und sein Leben mit chatten, simsen und bloggen verplempert hat. Ich meine echtes Leben: Ein Burger und eine Coke im Drive-In, Knutschen auf der Rückbank, und wenn es gut läuft jede Woche eine neue Seven-Inch für den eigenen Plattenspieler. Arbeiten am Band statt Bildschirmarbeitsplatz im Dienstleistungsgewerbe. Einen Nickel in die Musicbox statt hunderte Milliarden gegen Finanzkrise und Rezession. Eben eine vergangene, niemals wiederkehrende Epoche.
Der 22. November 2008 in der Mannheimer SAP-Arena war nicht nur deshalb ein historisches Ereignis. Wenn mein achtjähriger Sohn Simon, den ich an diesem Samstag Abend dabei hatte, mit Siebzig seinen Enkeln von dieser Show erzählt, wird die Geburt von Chuck Berry bereits knapp 150 Jahre zurückliegen. Kaum zu glauben.
Im Gegensatz zu Jerry Lee Lewis, der – trotz Gänshaut bei Great Balls Of Fire und Whole Lotta Shakin' Goin' On – etwas altersschwach wirkte (Jahrgang 1935, wie Elvis auch), war bei Chuck Berry von altem Eisen keine Spur. Ob Roll Over Beethoven, Johnny B. Goode, ob You Never Can Tell, Little Queenie, School Day oder Sweet Little Sixteen, das war ganz großes Theater. Jeder Song ein Hit.
Während Lewis an jenem Abend gerne mal in Richtung Countrymusic abdriftete, bot Berry die wahre Essenz aus dem schwarzen Rhythm and Blues der Vierziger und dem alles niederwalzenden Rock'n Roll der frühen fünfziger Jahre. Chapeau!
Die Menge war begeistert: Noch nie habe ich siebzigjährige Frauen beim "Duckwalk" des Godfather of Rock'n Roll ausflippen sehen. Na ja, irgendwann ist halt immer das erste Mal.
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