Was für ein Abend an diesem ersten etwas kühleren Abend im Herbst. Nach knapp vier Stunden Autofahrt von Wuppertal über die völlig verstopften Kölner Ringe erreichten wir den Ort des Geschehens, die Hessenhalle in Gießen. Eigentlich eine Messehalle für kleinere Ausstellungen, aber auch für Konzerte gerne genutzt. Nun ist Gießen nicht gerade der Mittelpunkt der Erde, hat aber seine Hochschultüren schon für Frank-Walter Steinmeier geöffnet gehabt und ein gewisser Til Schweiger tütete sein Abitur in Gießen ein. Musikalisch kann diese Stadt mit so bekannten Bands wie den BOXHAMSTERS oder PESTPOCKEN aufwarten und wem die nichts sagen, darf auf der “Perfekten Welle“ in eine “Geile Zeit“ mit JULI surfen, denn auch diese haben ihre Heimat in dieser Stadt am Rande des Taunus. Beste Voraussetzungen also für einen entspannten Hardrockabend. Dachten sich auch die Macher von “Burg Herzberg-Concerts“ und buchten die Hessenhalle für zwei der momentan schwer angesagten Hardrockacts.
Im ersten Moment war ich skeptisch, ob EUROPE die alten Hasen und GOTTHARD die auch nicht mehr ganz so jungen Hasen, ein gutes Billing abgeben würden. Doch meine Zweifel wurden mit den in diesem Jahr erschienenen Alben “Last Look At Eden“ (EUROPE) und “Need To Believe“ (GOTTHARD) aus dem Weg geräumt. Und wie die beiden passten, zeigte sich in der mit fast 2.000 Leuten gefüllten Halle recht schnell. EUROPE bekamen eine gute Stunde Spielzeit zugestanden und nutzten diese, um a) zu zeigen, dass sie mehr als The Final Countdown und Carrie auf Lager haben und b) sich von einer Poser-Hair-Metal-Band zu einer echten Bluesrocktruppe gemausert haben.
Schon das Opener-Duo Last Look At Eden und Gonna Get Right vom neusten Dreher ließen alle Zweifler verstummen, das man an diesem Abend eine nostalgische Retrospektive erhalten würde. Joey Tempest und seine Jungs fegten über die Bühne, dass es mir vorkam, als wären sie nie richtig weg gewesen. Gut, seit der Reunion sind nun auch schon wieder ein paar Jahre ins Land gegangen, aber ich habe den Eindruck, dass die Schweden erst jetzt mit dem letzten Output wieder an einem Punkt angekommen sind, an dem sie wahr- und ernst genommen werden. Ein bunter Querschnitt durch das Schaffen der Band fügte altes und neues Material perfekt ineinander und der abschließende Final Countdown sorgte für einen fulminanten hartrockenden Abschluss einer geilen Vorband, die aber fast schon als Doppelheadliners gelten konnte, aber eben nur fast.
Setlist EUROPE:
Last Look At Eden, Gonna Get Ready, Superstitious, Love Is Not The Enemy, Sing Of The Times, No Stone Unturned, Carrie, New Love In Town, Let The Good Times Rock, Start From The Dark, Seventh Sign, Rock The Night, The Beast, Final Countdown
Nach einer kurzen Umbaupause enterten die Schweizer um Frontröhre Steve Lee und Sechssaitensympathikus Leo Leoni die Bühnenbretter. Mit Unspoken Words brach die erste Welle des Bikerrocks über Gießen herein, direkt gefolgt von Gone Too Far. Zu weit gegangen waren sie damit nicht, machten aber gleich klar, wer der wirkliche Headliner des Abends ist! Von Anfang an hatten GOTTHARD die Meute im Griff, nutzen sowohl die Bühne als auch den Catwalk bestens aus und genossen sichtlich die Stimmung in der Halle, die auf die Dauer des Gigs allerdings hätte besser und stürmischer sein können. Egal, die Schweizer spielten sich sympathisch durch einen Set, der leider einen Bogen um die alten Sachen und glücklicherweise einen um die ruhigen Ausrutscher der Scheiben von “Open“ und “Homerun“ machte. Natürlich wurde nicht nur gerockt, denn es gab einen Wunschliederpart. Entspannt platzierten sich Mr. Lee und sein Sideman Leoni an das Ende des Catwalks auf Barhocker und erwarteten mit Akustikgitarre bewaffnet die Wünsche aus dem Publikum. So wurden dann One Life, Heaven, In The Name und Ain’t That A Shame jeweils in Kurzform angespielt, was einen sehr positiven Gesamteindruck hinterließ. Welche Band macht so was sonst noch? Ich kenne keine. Immerhin kann das auch zu einem Risiko werden.
Danach nahm der Abend wieder Fahrt auf, ebnete sich seinen Weg mit Shangri La (was meiner Meinung nach wesentlich besser als Opener passen würde!!!) hin zum Drumsolo, bei dem Steve Lee sich vom Hallenende aus ein Battle mit Hena Habegger auf der Bühne lieferte. Fulminant, beeindruckend und … Respekt! Danach wurde noch mal Vollgas gegeben, eine Zugabe ins Eck der Halle gefeuert (bestehend aus Sister Moon, Mountain Mama und Anytime, Anywhere) bevor sich die Eidgenossen von der Bühne verabschiedeten und glanzvolle Gesichter hinterließen.
Ich frage mich, wann die Band es endlich mal schafft, in den Olymp der Hardrockriege aufzusteigen. Verdient hätten sie es längst. Aber die Plätze werden leider von BON JOVI, SCORPIONS und anderen radiotauglichen Weichspülern belegt.
Setlist GOTTHARD
Unspoken Words, Gone Too Far, Top Of The World, Need To Believe, Hush, I Know You Know, Right From Wrong, Guitar Solo, Unconditional Faith,
Akustik-Set One Life/Heaven/In The Name/Ain’t That A Shame,
Shangri La, Drum Solo, All We Are, I Don’t Mind, Oskar, Lift U Up, Sister Moon, Mountain Mama, Anytime, Anywhere