|
|
| Berlin, Festsaal Kreuzberg, 21.03.2005 |
 |
Mitten im türkischen Zentrum Kreuzbergs, in der Skalitzer Straße, gibt es den ehemaligen türkischen Hochzeitssaal oder auch Festsaal. In den örtlichen Gazetten war die Location auch als "Twisted Robot" ausgewiesen, diesen Namen kann man aber zumindest von außen nirgends ablesen. War aber auch nicht so wichtig, da ohnehin gleich klar war, wohin man musste: Zwischen den örtlichen Kiezbewohnern (die älteren weiblichen meist mit Kopftuch, die jüngeren männlichen vorwiegend mit Goldkettchen) fielen die langhaarigen Gestalten, die sich das eine oder andere Kraut rauchend vor dem Saal versammelten, doch auch dem ungeübtesten Betrachter sofort auf. Hier war heute abend das Mekka für alle einigermaßen junggebliebenen Hippies, Stoner und Metalfreaks, also eine bunte Mischung von Liebhabern etwas heftigerer, nicht so massenkompatibler Klänge.
Da ein Auftritt der Exzessivklangzerdehner SUNNO))) in hiesigen Gefilden eher rar ist, war auch eine ordentlich Anzahl gespannter Menschen vor Ort. Zunächst aber standen URDOG auf der Bühne, ein amerikanisches Trio mit alternativer Krautrock-Psychedelia, irgendwo zwischen CAN, SOFT MACHINE, ASH RA TEMPLE, ganz frühen PINK FLOYD und total abgedrifteten IRON BUTTERFLY. Drummerin und Sängerin Erin Rosenthal als Kopf und kommunikatives Element der Band legte einen bedächtigen Groove unter die flirrig-flusigen Soundgebilde von Organist Jeff Knoch, worüber Gitarrist David Lifrieri zu etwas sperrigen Ausflügen abhob. Irgendwie Müsli-Birkenstock-Psychedelia, typisch für die amerikanische, sehr an den frühen germanischen Siebzigern interessierte Underground-Szene und ein konsequenter Gegenentwurf zum glitzerigen US-Musikbusiness.
|
|
|
|
Danach war es vorbei mit Ruhe und Beschaulichkeit: BORIS ließen es so richtig krachen. Das japanische Trio interpretiert eigentlich konventionelle Blues-Rock und Prog-Rock-Versatzstücke mit einer derartigen Wucht und Dynamik, dass daraus eine ganz eigene Symbiose musikalischen Größenwahns entsteht. Während Takeshi auf einem doppelhälsigen Monstrum (teils Bass, teils Gitarre) das Fundament legt, auf dem die betont bleiche Gitarristin Wata ihre hochgetunten Klangkaskaden auftürmt, wirkt Drummer Atsuo mit seinem voluminösem Gong wie ein Prototyp einer bis zum Anschlag aufgedrehten Drummaschine: Hier gibt es eher wenig Zwischentöne. Dafür eine unendliche Power, vergleichbar einem Stehplatz fünf Meter neben einer Boeing 747 oder einem Formel-1-Renner.
BORIS sind definitiv die japanische Turbo-Ausgabe der MELVINS. Allerdings würde ich nicht unbedingt, wie dies URDOG-Gitarrist David Lifieri tat, meinen Kopf direkt zwischen zwei Verstärker hängen.
|
|
|
|
|
Stand man bei BORIS also direkt neben einem Düsenjet, sollte man sich bei SUNN O))) direkt in der Turbine befinden. Zunächst wurden die Gitarren auf Vollanschlag präpariert und schon einmal warmlaufen gelassen (sprich an die riesigen Verstärkertürme gelehnt) ehe dann Steve O'Malley, Greg Anderson und Co. in ihren Grimrobes die Bühne betraten und eine gewissermaßen schwarze Messe der tiefsten Töne im Unterdruckbereich ihren Anfang nahm.
In Anlehnung an die legendären EARTH ist es Ziel von SUNN O))), mit möglichst wenigen Tönen einen maximal schweren, tiefen, lavaartigen Druck zu erzeugen: Drone, quasi als Verdichtung des Doom oder, wie mal jemand gesagt hat, gewissermaßen die Vertonung des Kontinentaldrifts.
Eine regelrecht körperliche Erfahrung, der zartgesottene Gemüter nicht lange standhalten, saugen diese sich nur in fast halbstündigem Rhythmus mäandernden Töne, mit der ganzen Hand als Arpeggios über die Gitarre gestrichen, vom Gehörgang ausgehend in der Magengegend und den Eingeweiden fest. Dazu das zwischen mittelalterlichen Klerikern und Großmeistern des Ku-Klux-Klan liegende Outfit von SUNN O))) und fertig ist eine gespenstisch anmutende musikalische Grenzerfahrung.
|
|
|
|
|
Naturgemäß ergreifen einige entnervt die Flucht, aber der Großteil des Publikums ist gebannt von diesem unheilvollen Klangsog, vereinzelt recken sich nietenbestückte Hände zum satanischen Metalgruß, in erster Linie ist aber jeder mit sich selbst beschäftigt, diese in sich ruhende und gleichzeitig implodierenden Tongesteinsmasse zu verarbeiten.
SUNN O))) ist ein kryptisches Gesamtkonzept, dem man sich stellen muss, um die faszinierende Wirkung der Wucht ihrer aufs äußerste reduzierten Klänge erleben zu können.
|
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|